2018 wurden von der JLU alleine 11 271 Mäuse getötet, die gezüchtet wurden, aber für Versuche nicht brauchbar waren. Was genau für Versuche mit den kleinen Nagern angestellt werden sollten, verrät aber weder die JLU noch die Genehmigungsbehörde.
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2018 wurden von der JLU alleine 11 271 Mäuse getötet, die gezüchtet wurden, aber für Versuche nicht brauchbar waren. Was genau für Versuche mit den kleinen Nagern angestellt werden sollten, verrät aber weder die JLU noch die Genehmigungsbehörde.

Uni Gießen

Geheimakte Tierversuch: »Blackbox« an Uni Gießen

  • vonSebastian Schmidt
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Soviel steht fest: In Gießen werden Experimente an Tieren durchgeführt. Doch was genau wird da gemacht? Darüber liegt ein Mantel des Schweigens. Eine Expertin des Regierungspräsidiums Gießen nennt es eine »Blackbox«.

Tierversuche sind ein emotionales Thema. Warum, wird einem spätestens dann klar, wenn man das Wort Tierversuch in die Google-Bildersuche eingibt. Ob Mäuse auf Seziertischen oder ein fixierter Affe in einem Plastikgestell, die Bilder sind nur schwer zu ertragen. Als Versuchstiere zählen aber auch Tiere, an die man im ersten Moment nicht denkt: Hunde, an denen angehende Tierärzte Fiebermessen üben, oder Vögel, die man mit einem Peilsender versieht, um ihre Flugrouten zu beobachten. In der Forschung werden Versuchstiere als unerlässlich angesehen.

Das Tierschutzgesetz steckt den Wissenschaftlern aber Grenzen, die das Regierungspräsidium Gießen (RP) überwacht. 2018 sind dort 87 Anträge für Tierversuche gestellt worden. 85 wurden genehmigt, zwei zurückgezogen und kein einziger abgelehnt. Werden die Anträge vom Regierungspräsidium nur durchgewunken?

»Nein«, sagen Prof. Sibylle Wenzel und Dr. Mona Schütz. Die beiden Tierärztinnen sind die für Tierversuche zuständigen Mitarbeiterinnen des RP. Schütz sagt, dass diese Zahlen nicht die ganze Geschichte erzählen. Um zu verstehen, warum Ablehnungen selten sind, müsse man mehr über den Ablauf eines Antrags wissen. Dann erklären sie das Prozedere.

Wenn ein vollständiger Antrag bei ihnen eingehe, werde er in die Tierschutzkommission gegeben, erläutert Schütz. Im Moment gibt es in Gießen zwei Kommissionen mit jeweils acht Mitgliedern. In einer Kommission sitzen vier Vertreter von Tierschutzorganisationen wie Vier Pfoten und der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz. Die übrigen vier Sitze hätten Vertreter von Pharmaunternehmen und Universitäten, erklärt der Leiter einer der beiden Kommissionen. Er will anonym bleiben und erklärt das so: »Wenn Kollegen erfahren würden, dass ich in der Tierschutzkommission bin und Veränderungen ihrer Anträge verlange, würde das für schlechte Stimmung sorgen.«

Kommissionsleiter will anonym bleiben

In der Kommission würden die Anträge beurteilt und diskutiert, sagt der Leiter. Oft werden Nachfragen an den Antragssteller gestellt oder empfohlen, Teile des Tierversuches zu ändern. Zum Schluss stimmen die Mitglieder über den Antrag ab. Der Leiter sagt: »Jemanden, der immer mit ›Nein‹ stimmt, können wir hier nicht gebrauchen.« Er erinnert, dass das Tierschutzgesetz Tierversuche zulasse: »Eine Ablehnung muss auch rechtssicher sein.«

Die beiden RP-Mitarbeiterinnen sind an die Abstimmung der Tierschutzkommission nicht gebunden. »Aber wir sind froh, dass wir diese Experten haben, die uns beraten«, sagt Schütz. Auch wenn die Zahlen so aussehen, als würden sie jedem Antrag stattgeben: »Es gibt fast keinen Antrag, der so akzeptiert wird, wie er gestellt wird.« Fast jedes Forschungsvorhaben werde zum Wohle der Tiere modifiziert, sagt Schütz. Und nur in seltenen Fällen komme es zum Rückzug des Antrages. »Damit kommen die Antragssteller einem Ablehnungsbescheid zuvor.« Der sei nämlich teurer, als der Rückzug des Antrages.

Die Mitarbeiterinnen des RP und der Kommissionsleiter reden offen über den Antragsprozess, schildern heftige Diskussionen und wie sie versuchen, Anträge im Sinne des Tierschutzes anzupassen. Über eine Sache herrscht aber Schweigen: Was für Versuche zu welchem Zweck werden in Gießen an Tieren vorgenommen?

»Das dürfen wir aus Datenschutzgründen nicht sagen«, erklärt Wenzel. Schütz sagt: »Wir haben es hier mit neuester Forschung zu tun.« Konkurrenten sollen davon nichts erfahren. Der Kommissionsleiter sagt: »Sonst können sie den Wissenschaftsstandort vergessen.« Die Mitarbeiterinnen geben zu, dass es schwierig sei, eine offene Diskussion über die Tierversuche in Gießen zu führen, wenn man gar nicht wisse, was für Versuche hier gemacht werden. Wenzel sagt dazu: »Das ist eine Blackbox.«

Info: »Tierversuchs- Tourismus«

Der Kommissionsleiter warnt, dass es bei einem zu restriktivem Umgang mit Anträgen die Gefahr gebe, den »Tierversuchs-Tourismus« zu fördern. »Wenn wir hier etwas nicht erlauben, dann gehen die Leute nach Südamerika.« Schütz fügt an: »Wir wissen von ganz konkreten Forschungsvorhaben, bei denen das tatsächlich geschehen ist.« Wenzel widerspricht dem und sagt: »So etwas darf nicht unser Maßstab sein. Wir definieren unsere eigenen Standards bei Kinderarbeit und auch beim Tierschutz.«

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