Wort zum Sonntag

Das Gegenüber respektieren

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Von Ängsten und Sorgen ist gerade viel die Rede. Die einen sorgen sich um Krankheiten und Pandemien, weil sie um das eigene Leben oder die wirtschaftlichen Folgen fürchten. Andere dagegen fürchten sich vor den persönlichen und gesellschaftlichen Einschränkungen durch die Pandemie-Bekämpfung.

Auch ich persönlich bin besorgt über das, was ich in den letzten Wochen und Monaten erlebe: Ich bin besorgt über die Verrohung unserer Sprache. Und zwar von allen Seiten. Ja, ein jeder hat ein Recht auf seine eigene Meinung und deren Äußerung. Worauf er oder sie kein Recht oder einen Anspruch hat ist, dass andere diese Meinung teilen. Mein Gegenüber, egal ob im persönlichen Gespräch oder im Internet, ist weder ein Teufel, noch ein Idiot, nur weil er eine andere Meinung vertritt!

Doch nur selten und nur wenigen gelingt es, in den Kommentarspalten nüchtern und sachlich zu bleiben. Aber warum? Warum schaffen wir es kaum, miteinander zu reden oder übereinander zu schreiben, ohne uns gleich gegenseitig zu beleidigen? Warum gelingt so selten der Spagat zu sagen: "Ich respektiere dich (als Mensch, als Person), auch wenn ich selbst eine andere Sicht auf unser Gesprächsthema habe?"

Sollte das denn nicht eigentlich der normale Umgang sein? Sollten unsere Gespräche nicht dazu dienen, uns gegenseitig auszutauschen und zu informieren, statt immer gleich zu versuchen den anderen zu überzeugen und im Extrem ihn zu verteufeln und zu beleidigen, wo ich mit meinen Argumenten nicht weiterkomme? Wenn ich mich nicht auf mein Gegenüber einlasse, führe ich mit ihm kein Gespräch, sondern gebe eine Pressekonferenz.

Der Apostel Paulus schreibt schon im Brief an die Gemeinde in Rom: "Nur die Liebe schuldet Ihr einander immer…" Das bedeutet nun nicht, dass wir unbesehen immer alles glauben und übernehmen sollen. Aber es bedeutet, den anderen als Person mit eigener Meinung zu akzeptieren; mit allen Fehlern und Schwächen; auch gerade dort, wo wir nicht einer Meinung sind.

Pfarrer Martin Sahm Kath. Pfarrei St. Paulus

und St. Andreas in Lich

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