Gegen das Vergessen

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Es gibt wohl kaum einen geeigneteren Tag für die Premiere der Kammeroper "Das Tagebuch der Anne Frank" als der Tag nach dem Attentat von Hanau. Beide zeigen, was Rassismus und Faschismus anrichten können. Und so begann die Vorstellung in der Studiobühne folgerichtig mit einer Schweigeminute. Auch am Ende herrschte erst einmal Stille.

Am 12. Juni 1942 bekam Anne Frank zu ihrem 13. Geburtstag ein Tagebuch geschenkt. Das jüdische Mädchen, das monatelang vor den Nazis versteckt in einem Amsterdamer Hinterhaus leben musste, begann sofort, seine Gedanken und Beobachtungen aufzuschreiben. Eine Radioansprache bestärkte es darin, die Texte für die Nachwelt zu überarbeiten. Diese Tagebuchaufzeichnungen sind Weltliteratur geworden.

Auch der russische Komponist Gregori Frid war tief beeindruckt, als er sie in den 1960er Jahren las. Er schuf, basierend auf wortgetreuen Passagen und als Aneinanderreihung von Szenen konzipiert, seine Ein-Personen-Oper "Das Tagebuch der Anne Frank". Diese hatte am Donnerstagabend auf der Studiobühne des Stadttheaters Premiere - mit der grandiosen österreichischen Sopranistin Martha Matscheko in der Titelpartie.

Für die wohltuend behutsame Regie der Inszenierung zeichnet Roman Kurtz verantwortlich. Bühne und Kostüme hat Denise Schneider entworfen. Und diese Bühne bietet mit ihren grauen Flächen einen abstrakten Raum, der sich durch Projektionen verwandelt. Die über die Stadt fliegenden Bomber, Szenen aus dem Krieg, Annes Blick durchs Fenster in den blauen Himmel oder auf die belebte Straße - all das, was die Jugendliche in ihrem Tagebuch präzise beschreibt, wird so auch visuell erfahrbar. Der Blick in Anne Franks innere Welt wirkt so umso beeindruckender.

Hinter einem durchsichtigen Vorhang sind die Musiker um den musikalischen Leiter, den früheren Generalmusikdirektor Herbert Gietzen, und seinen Flügel platziert. Es sind Peter Ehm/Roland Dreher (Klarinette), Alexander Ludwig/ Philipp Strüber (Schlagzeug) und Stefan Schneider/Jochen Heibertshausen (Kontrabass). Ihre Musik drückt mit Tönen das aus, was Anne Frank mit beklemmend machenden Worten formuliert: Angst, Verzweiflung, aber auch Hoffnung und Lebenshunger.

Auch die Musik des 20. Jahrhunderts spiegelt sich in Frids Komposition wider. Bei den kammermusikalischen Passagen erinnert man sich an Igor Strawinsky, beim Gesang an Zwölftöner wie Alban Berg. Das mag zu Beginn etwas sperrig wirken, erscheint aber nach kurzem Einhören adäquat und dürfte auch beim jungen Publikum, für das die Kammeroper ausdrücklich ebenfalls inszeniert ist, gut ankommen.

Martha Matschekos Präsenz und Stimme sind eindrucksvoll. Die junge österreichische Sopranistin meistert den herausfordernden Gesangspart, der weniger eingängige Melodien denn lautmalerische Stimmung transportiert, mit Bravour. Und sie überzeugt durch ihr Spiel voller Emotionen. Ihren moralischen Kompass und ihre klare Sicht lässt sich diese mädchenhaft-kluge Anne Frank auch durch den täglichen Kampf ums Überleben nicht zerstören. Und auch nicht ihre backfischartige Lebhaftigkeit.

Wenn Martha Matscheko gegen Ende über die Stuhlreihen steigt, dann reichen ihr die Zuschauer tief bewegt die Hände als Hilfestellung. Zu gerne hätten sie wohl auch der echten Anne Frank beigestanden - doch diese Chance wurde bereits vor Generationen vertan. Die Kammeroper "Das Tagebuch der Anne Frank" erinnert daran, dass so ein kollektives Versagen nie wieder passieren darf. Das längere Schweigen der Premierenzuschauer, bevor der donnernde Applaus anbrach, zeigte, dass diese Botschaft angekommen ist.

Weitere Vorstellungen gibt es am 1., 13. und 29. März sowie am 13. und 24. April.

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