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Die Stimmung bei der Veranstaltung schwankt zwischen fröhlichen Tanzeinlagen und wütendem Protest. FOTO: CSK

Gegen türkischen "Angriffskrieg"

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Gießen(csk). Immer wieder schlägt die Stimmung von einer Minute auf die andere um. Mal ähnelt sie eher der eines fröhlichen Kulturfestes, dann erinnert sie sehr klar an eine wütende Protestaktion. Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich die siebenstündige Veranstaltung unter dem Motto "Solidarität mit Rojava" am Sonntagnachmittag in den Hessenhallen. Kurdische Köstlichkeiten und ein Mini-Stoffmarkt, Livemusik und Tanz erwarten die etwa 800 Besucher, die aus der ganzen Region sowie den angrenzenden Bundesländern angereist sind. Dass es kein ausnahmslos fröhlicher Nachmittag wird, offenbaren ihnen schon die vielen Plakate an den Wänden. "Türkischer Terrorstaat bombardiert in Rojava", liest man da zum Beispiel.

Auf Flyern und in Reden brandmarken die Organisatoren rund um den neuen kurdischen Dachverband KON-MED und das "Rojava-Aktionsbündnis" den "völkerrechtswidrigen Angriffskrieg" der türkischen Regierung in Rojava, der im März 2016 ausgerufenen Demokratischen Konföderation Nord- und Ostsyrien. Das Verhalten der deutschen Regierung sowie der Europäischen Union stößt ihnen besonders sauer auf. Beide Parteien unterstützten die Türkei, anstatt den Kurden zu helfen, beklagt etwa Mitorganisator Yakub A. Kurdische Kämpfer hätten vor nicht allzu langer Zeit "für den Westen den Islamischen Staat besiegt". Nun würden sie "mit Erdogan alleine gelassen". "Alle internationalen Akteure, vor allem die USA, Russland, die EU und die UNO sind für diese Invasion und die ethnischen Säuberungen verantwortlich", steht auf einem Flyer.

Auf der Bühne sprechen unter anderem Hedye Acar von KON-MED Gießen sowie der kurdische Politiker Yüksel Koc aus Bremen. Koc hatte vor einigen Monaten bundesweit Aufsehen erregt, indem er in einen unbefristeten Hungerstreik trat, um verbesserte Haftbedingungen für den PKK-Chef Abdullah Öcalan zu fordern. Obwohl Bilder Öcalans in Deutschland verboten sind, werden sie am Sonntag mehrfach gezeigt. Wimpel der kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG und YPJ zieren zu Dutzenden die Wände. Sie sind nicht grundsätzlich untersagt, wenngleich Zettel im Foyer darauf hinweisen, sie seien "weltweit nur in Deutschland und der Türkei verboten".

Das musikalische Rahmenprogramm bilden unter anderem die Bands Dimli Amed, Koma Delal Amed und Koma Deran. Als Duo "Contraviento" treten außerdem Isabel Lipthay und Martin Firgau aus Münster auf. Lipthay lebt seit 1983 in Deutschland und war einst als Journalistin in Chile tätig. Nachdem sie vor der Diktatur Pinochets habe fliehen müssen, habe sie begonnen, vom Ausland aus über die Lage in ihrem Heimatland aufzuklären, sagt sie. Ähnlich wie die Kurden in Syrien seien auch viele Chilenen heute mehr denn je unterdrückt. Firgau äußert sich kritisch über die diplomatischen Prioritäten der Bundesrepublik: "Wir haben die völlig falschen Partner."

Unterstützt wird die Kulturfeier am Sonntag von verschiedenen kurdischen Organisationen. Sämtliche Einnahmen fließen laut Veranstalter an den Kurdischen Roten Halbmond, der heute die letzte verbliebene humanitäre Organisation in Rojava sei.

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