Gegen die Not mit der Notdurft

Gießen (fd). 26 Gießener Gaststätten und Einrichtungen machen bei der Aktion "Nette Toilette" mit, damit Besucher der Innenstadt nicht in Not mit der Notdurft geraten.

Den öffentlichen Toiletten ergeht es ähnlich wie den Telefonzellen: Nach und nach verschwinden sie aus dem Stadtbild. Zuletzt wurden WC-Häuschen am Oswaldsgarten und am Selterstor geschlossen. Bürgermeisterin Gerda Weigel-Greilich sagt: "Sie wurden nicht oder missbräuchlich genutzt. Nach den Schließungen gab es quasi keine Rückmeldungen." Selbst habe sie noch nie eine benutzt. Doch während Telefonzellen durch Handys ersetzt wurden, bleibt im Fall der öffentlichen Toiletten – einzig am Markt- sowie am Brandplatz gibt es sie in der City noch – das menschliche Bedürfnis.

Um der Not mit der Notdurft entgegenzutreten, haben Stadt, Lokale Agenda 21 und das Büro Landesgartenschau die "Nette Toilette" nach Gießen geholt. Die Idee: Gastronomiebetriebe und öffentliche Einrichtungen öffnen ihre Toiletten für Passanten. Mit einem Logo an der Tür werden die teilnehmenden Einrichtungen kenntlich gemacht. Der Umstand, dass es sich bei der "Netten Toilette" um ein bundesweites Projekt handelt, hat nach Ansicht der Initiatoren den Vorteil, dass auswärtige Besucher wissen, was der Aufkleber mit dem "00-Gesicht" bedeutet. Das sei bei der Gartenschau und vor allem in den Innenstadtkorridoren von großer Bedeutung.

Für die Stadt hat die Kooperation mit Gastronomiebetrieben und öffentlichen Einrichtungen freilich den Vorteil, dass sie Gelder für WC-Häuschen spart. Laut "Nette Toilette" belaufen sich die Kosten für den Bau einer öffentlichen Toilette auf 130 000 Euro. Jährlich betragen die Unterhaltskosten von drei WCs laut Beispielrechnung 40 000 Euro.

Kein Geld für Gastronomen

Eine Entschädigung für Wasser und Reinigung gibt es während der Testphase, die nun startet, nicht. Dennoch machen Gastronomen wie etwa Ali Rashidi, der Dachcafé und Newscafé betreibt, mit: "Die Leute kommen so oder so und gehen auf Toilette. Aber bislang eben mit einem schlechten Gewissen. Das muss ja nicht sein. Ob nun künftig ein paar mehr Leute kommen, ist mir egal", sagt er. Vielleicht bleibt ja auch der eine oder andere und trinkt einen Kaffee oder isst ein Stück Kuchen.

Während die "Nette Toilette" in Bremen gescheitert war, weil der zuständige Senator verpasst hatte, behindertengerechte WCs für das Projekt zu gewinnen, sind in Gießen zumindest einige der teilnehmenden Einrichtungen mit behindertengerechten Toiletten ausgestattet. Von den bislang 26 sind es allerdings nur sieben. Dazu kommen immerhin zahlreiche mit stufenfreiem Zugang. Ein weiterer Nachteil des Projekts: Die teilnehmenden Einrichtungen haben Öffnungszeiten. Einige sind erst ab nachmittags zugänglich. Andere schließen dann bereits wieder.

Bei der Stadt, der Lokalen Agenda 21 und dem Büro Landesgartenschau zeigt man sich zuversichtlich, dass das Projekt auch über 2014 hinaus laufen könnte. "Es ist nicht ausgeschlossen, dass es dann an Ecken, wo die Stadt ein massives öffentliches Interesse erkennt, auch Zuschüsse für Wasser und Reinigung geben wird", verrät Weigel-Greilich. So sieht es auch das Konzept der "Netten Toilette" eigentlich vor. Dort heißt es in einer Beispielrechnung: 17 000 Euro pro Jahr für Zuschüsse für 27 teilnehmende Einrichtungen. Bislang musste die Stadt lediglich 2500 Euro in die Hand nehmen, um das Logo mit dem "00-Gesicht" sowie den Namen nutzen zu dürfen.

Ein Flyer zum Projekt mit Öffnungszeiten und Adressen soll demnächst in Lokalen und Geschäften sowie in der Tourist Information und im Rathaus ausliegen.

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