Nach der Entlassung - wie hier aus der JVA in Gießen (r.) - kommen viele Häftlinge mit Wahlmöglichkeiten und Eigenverantwortung nicht zurecht.
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Nach der Entlassung - wie hier aus der JVA in Gießen (r.) - kommen viele Häftlinge mit Wahlmöglichkeiten und Eigenverantwortung nicht zurecht.

Resozialisierung

Gegen die Leere nach dem Knast

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Im Gefängnis sollen Häftlinge vom ersten Tag an auf das "Leben danach" vorbereitet werden. Das klingt einfacher, als es ist. Alex aus Gießen kann ein Lied davon singen.

Als Alex aus dem Knast entlassen wird, stürzt er ab. Der heute 33 Jahre alte Mann hatte zusammengerechnet fast fünf Jahre hinter Gittern verbracht, war dort ganz gut zurechtgekommen. Aber draußen geriet er immer wieder in Schwierigkeiten - bis er Ende 2017 in einer Wohngruppe des Vereins "Aktion - Perspektiven" in Gießen landete. Jetzt steht er kurz vor dem Abschluss seiner Ausbildung. Die Geschichte von Alex - der nicht wirklich so heißt - ist ein Beispiel, wie Resozialisierung scheitern und wie sie gelingen kann.

Wer zu einer Haftstrafe verurteilt wird, sitzt diese nicht bloß ab. Der Verurteilte soll ab dem ersten Tag nach dem rechtskräftigen Urteil auf das Leben nach der Entlassung vorbereitet werden. Im Zentrum steht der Gedanke, dass er zukünftig keine Straftaten mehr begeht. Resozialisierung nennt das der Gesetzgeber, und er hat dieses Recht in einem Bundesgesetz 1977 als oberstes Ziel des Strafvollzugs festgelegt. Im Zuge der Föderalismusreform 2006 ist der Strafvollzug zur Sache der Länder geworden. Die meisten Bundesländer haben nun eigene Regelungen.

Alex hat in mehreren Haftanstalten in Hessen gesessen. In der Regel wegen Beschaffungskriminalität im Rhein-Main-Gebiet, um seinen exzessiven Drogenkonsum zu finanzieren. "Als Heroinabhängiger habe ich Diebstähle ohne Rücksicht auf Verluste begangen", erzählt er in der Küche seiner Wohngruppe in Gießen und nippt an seinem Kaffee. "Da hängt eine Kamera im Laden? War mir total egal." Egal sei es ihm auch gewesen, "ob ich mich mit der nächsten Spritze ins Nirwana schieße". Die Haft aber habe seinem Leben Struktur gegeben: Zellenaufschluss, Arbeit, eine Stunde Sport, Zelleneinschluss.

Die ersten acht Wochen, erzählt Alex, habe er wegen seines Drogenproblems und dem Entzug wie im "Schlummerschlaf" verbracht. Nach seiner Verurteilung habe er in der Haft Suchtberatungstermine wahrgenommen, an einem Antiagressionstraining teilgenommen, Gottesdienste und andere Angebote besucht. Drei Viertel seiner Strafe saß Alex ab, dann machte er freiwillig eine Therapie: zehn Monate lang in einer stationären Einrichtung, um suchtfrei leben zu können. "Meine Therapeutin hat mir gesagt, danach soll ich wieder salonfähig sein." Alex schmunzelt, wenn er an diese Episode in seinem Leben denkt.

Hilfe durch Wohngruppe

Anja Holler leitet die Gießener Wohngruppe des Vereins "Aktion - Perspektiven", in der auch ehemalige Inhaftierte eine Bleibe finden. Hier gibt es sieben Plätze, außerdem zwei weitere in einer Außenwohnung. Sie sagt, im Gefängnis hätten die wenigsten Probleme, weil die Strukturen und Abläufe dort sehr eng seien. Würden sie aber entlassen, kämen einige mit den Wahlmöglichkeiten und der Eigenverantwortung nicht zurecht. Viele fielen ohne die gewohnte Tagesstruktur in ein Loch. Besonders für die über 21-Jährigen gebe es nach der Haftentlassung wenig Hilfsangebote, sagt sie.

Häufig gehen daher Haftentlassene wieder in ihre gewohnte Umgebung zurück, die Sicherheit verspricht, aber nicht bringen muss. Auch Alex war bald wieder in Frankfurt in seinem alten Umfeld. "Ich war zu faul, um dort auszubrechen", erzählt er. Ein großes Problem, betont Uli Müth, der im Rockenberger Jugendknast ein Entlassungsprojekt betreut und in Wetzlar für die "Aktion - Perspektiven" eine Wohngemeinschaft für Männer leitet. "Denn es ist nicht nur die Familie in der Nähe, sondern es sind auch die da, mit denen man Mist gebaut hat." So auch bei Alex. Relativ bald fing er an, Crack zu nehmen, "diesen kleinen Teufel", sagt Alex. "Einmal damit angefangen, kommt man nur schwer weg davon." Wieder geriet er auf die schiefe Bahn, wieder landete er im Gefängnis.

Nach seiner Entlassung zog es ihn erneut nach Frankfurt, wo sich die Geschichte wiederholte. Alex begann eine Ausbildung, traf aber nach einem Jahr die falschen Leute. Dem ersten Glas Wein folgte Ecstasy, und schon war er wieder drin in der Abwärtsspirale. Nach einer Entgiftung folgte der Aufenthalt in einer Übergangseinrichtung für ehemalige Straffällige. "Aber dort bin ich als Einzelgänger nicht klargekommen", erzählt er. Lieber schlug er sich bei Herborn wochenlang in einem Wald herum oder wohnte in Wetzlar in einer Obdachlosenunterkunft. "Ich hatte keine Ahnung mehr, wo ich hin sollte", sagt Alex - bis er beim Gießener Verein 2017 einen Platz im Wohnprojekt erhielt. Seitdem geht es wieder aufwärts: "Ich habe wieder mit dem Sport angefangen, den Alkoholkonsum reduziert, mache eine Umschulung und stehe mittlerweile kurz vorm Abschluss." Man spürt es deutlich: Er ist stolz auf das, was er bisher geschafft hat.

Für Anja Holler kann der berufliche Erfolg entscheidend sein für eine gelungene Resozialisierung. Deshalb sei es von großer Bedeutung, nach der Haft schnell über beruflich fördernde Maßnahmen wie Hilfe bei der Ausbildungs- und Arbeitssuche oder Weiterbildung wieder in Lohn und Brot zu kommen. "Wichtig ist ein geregelter Tagesablauf. Einer Arbeit nachzugehen, gibt Struktur", betont sie.

Die Bewohner der Wohngruppe des Gießener Vereins werden dabei unterstützt, eine solche Struktur aufzubauen. "Jeder hat sein eigenes Zimmer, man lebt sein Leben", sagt Alex. "Aber es ist viel herzlicher als in einer ähnlichen Einrichtung in Frankfurt." Das komme ihm als Einzelgänger entgegen. Mindestens einmal in der Woche gebe es ein Beratungsgespräch; außerdem stünden die Türen der Mitarbeiter von "Aktion - Perspektiven" immer offen. Die sehen sich als praktische Alltagshelfer: "Wir beraten die Leute hier sehr individuell", sagt Anja Holler. Seit einiger Zeit gebe es zusätzlich an sechs Abenden in der Woche eine Betreuung. Als es die noch nicht gab, sei so manchem Bewohner abends die Decke auf den Kopf gefallen. Und dann kann man schonmal auf nicht ganz so gute Gedanken kommen.

In der Wohngruppe zu leben, verlangt den Bewohnern vor allem finanziell einiges ab. Haftentlassene sind nicht als Zielgruppe für solche Angebote erfasst; diese sind eigentlich für Obdachlose gedacht. "Wer bei uns wohnt", erklärt Anja Holler, "muss viel abgeben. Es ist sehr schwer, etwas anzusparen." Zum Beispiel werden dem Bewohner alle staatlichen Gelder zu 100 Prozent abgezogen. Alex beispielsweise hat nur so viel Geld wie ein Empfänger von Arbeitslosengeld II zu Verfügung - obwohl er eine Ausbildung macht. Als Nebenjob trägt er Zeitungen aus. Von 100 Euro musste er 70 Euro abgeben. "Es hat viele Argumente und Briefwechsel gebraucht, damit er das gesamte Geld behalten durfte", sagt sie. Wer dann auch noch Schulden hat, kommt schwer wieder auf die Beine.

Deshalb sagt auch Uli Müth, dass es in diesem Bereich mehr finanzielle Mittel geben müsste. "Wir müssen Haftentlassene anders und vor allem differenzierter wahrnehmen", betont er. Es sei wichtig, Projekte für diese Zielgruppe finanziell besser auszustatten. "Denn das ist der beste Opferschutz."

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