Geflecht widersprüchlicher Aussagen

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Gießen(se). Es hebt nicht unbedingt die Laune der meisten Beteiligten, wenn zu einem Strafprozess geladene Zeugen nicht erscheinen, Zeugen, die möglicherweise einen erheblichen Beitrag zur Aufklärung einer Straftat leisten können. Birgit Ruppel, Richterin am Amtsgericht Gießen, musste in der Verhandlung am Freitag vor dem Jugendschöffengericht einmal mehr diese Erfahrung machen. Zwei der fünf geladenen Zeugen blieben der Verhandlung fern und wurden nicht nur zu einem Ordnungsgeld in Höhe von jeweils 150 Euro verdonnert, sondern werden auch am nächsten Verhandlungstag, dem 2. Januar 2020, so die Anordnung des Gerichts, vorgeführt, damit das seit mehr als einem Vierteljahr dauernde Verfahren zu Ende gebracht werden kann.

Zur Erinnerung: In den frühen Morgenstunden des 11. Oktober 2018 sollen in der Gießener Pendleton-Siedlung drei zur Tatzeit Jugendliche unter 21 Jahren einen weiteren, offensichtlich angetrunkenen Mann mit unterschiedlicher Tatbeteiligung beraubt, geschlagen und mit dem Fuß im Genick fixiert (aber nicht getreten) haben. Geraubt wurden unter anderem ein Handy, eine Bomberjacke sowie ein Mobiltelefon. Drei Personen sitzen auf der Anklagebank, die Plädoyers waren auch schon gehalten worden, doch danach stieg das Jugendschöffengericht noch einmal in die Beweisaufnahme ein.

Eine der Zeuginnen war Polizeibeamtin, die den Chat-Verkehr auf zwei Handys erläuterte und durch den man Rückschlüsse auf Tatbeteiligungen schließen konnte. Die Aussage der Polizistin war unaufgeregt und sachlich. Nicht so die der anderen beiden Zeuginnen, die sich durch die Fähigkeit auszeichneten, ihre prozessrelevanten Kenntnisse und einiges mehr mit viel Herz nach außen zu tragen. Der Gehalt ihrer Aussagen ging zum Teil weit über das unmittelbare Informationsbedürfnis aller Verfahrensbeteiligten hinaus. Zuweilen musste der Redefluss der beiden Zeuginnen durch die Richterin gebremst werden. Allerdings muss man den beiden Frauen, Schwestern übrigens, zugute halten, dass jeweils einer ihrer Söhne auf der Anklagebank Platz genommen hatte.

Aber von Familienfrieden keine Spur. Das wurde im Laufe der Aussagen deutlich. Nach der Version der ersten Zeugin habe ihr Neffe erzählt, dass er und noch ein weiterer Mann ("aus Lich") den eigentlichen Überfall ausgeführt hätten, wobei der "Kumpel" für die Schläge zuständig gewesen sein und auch noch auf das Opfer eingeschlagen haben soll, als dieses bereits am Boden lag. Bei ihrer Aussage bediente sich die Zeugin eines Schreibens, das sie selbst verfasst hatte und von ihrer Tochter umformulieren ließ. Dem hielt die andere Zeugin entgegen, dass ihr Sohn (der "Neffe") mitgeteilt hätte, mit dieser Tat nichts zu tun zuhaben. Sie äußerte die Vermutung, dass die Familie ihren Sohn "fertigmachen" will. Aus den Aussagen der beiden Frauen wurde ersichtlich, dass die Familie tief gespalten ist.

Am Freitag war es noch nicht möglich, das Geflecht widersprüchlicher Aussagen zu lösen. Weitere Aussagen können da sicherlich hilfreich sein. Voraussetzung ist allerdings, dass die geladenen Zeugen ihren Beitrag dazu leisten wollen und am 2. Januar aussagen

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