Reiner Laux liest aus seinem Buch "Seele auf Eis" von seine Erlebnissen im Gefängnis.
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Reiner Laux liest aus seinem Buch "Seele auf Eis" von seine Erlebnissen im Gefängnis.

Gefängnis als "Schule des Verbrechens"

  • Karola Schepp
    vonKarola Schepp
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Gießen (gl). Wie es sich als Insasse in einem Gefängnis anfühlt, das wissen zum Glück nur die Wenigsten aus eigener Erfahrung. Ganz anders Reiner Laux. Er hat unter dem Spitznamen "Zorro, der Gentleman-Bankräuber" 13 Banken überfallen - die erste davon noch 1985 während seiner Zeit als Student in Gießen, um Schulden seiner Wohngemeinschaft tilgen zu können. Einen großen Teil seiner Beute hat er in der Folge an karitative Einrichtungen überwiesen, wollte nach eigener Aussage damit auch gegen Machenschaften im Bankwesen protestieren. 1995 wurde der heute etwa Sechzigjährige denunziert, in Portugal gefasst und landete zunächst in Lissabon in Untersuchungshaft. Später saß er insgesamt siebeneinhalb Jahre in deutschen Gefängnissen, darunter auch in Gießen, ein. Über seine Erlebnisse hat er Bücher geschrieben. Mit dem jüngsten, Titel: "Seele auf Eis", war er nun beim Krimifestival zu Gast und berichtete im Ulenspiegel von seinen Erlebnissen. True-Crime und ein echter "Straftäter" am Lesepult - das ist auch für das Krimifestival ungewöhnlich.

Was Laux seinen Zuhörern berichtete, sorgte für entsetzte Blicke und einiges Nachdenken. Denn was der Mann mit dem langen Zopf und dem Habitus eines Langzeitstudenten berichtete, war heftig. Seine Taten, seine Gerichtsprozesse, seine Urteile ließ er im Prolog quasi im Schnelldurchlauf rekapitulieren, um dann umso eindringlicher vom Alltag hinter Gittern zu berichten. Die unhaltbaren Zustände in der Lissaboner Untersuchungshaft, in der junge Männer in der hoffnungslos überbelegten Zelle zu "menschlichen Bestien" werden, die andere sexuell bedrängen, schlagen und foltern, waren Beispiele, wie solche "Käfighaltung" zu "situativer Gewalt" führt. An einem kleinen Tisch in der mit 26 Mann belegten 35-Quadratmeter-Zelle habe er sich eine Art "Schreibbüro" eingerichtet, schilderte Laux, und sich so als Schreiber von Liebesbriefen und Anträgen für die anderen Gefangenen Respekt verschaffen können. Sein Ruf als "Zorro" und permanente Selbstreflektion hätten ihn das alles durchstehen lassen.

Studentenzeit und Haft in Gießen

Auch von seiner Ankunft im Gefängnis in Gießen, wo er gleich von zwei muskelbepackten Mitgefangenen in die Mangel genommen und von einem Polizeispitzel ausgehorcht worden sei, erzählte er und gab Einblicke in diese "düstere Schattenwelt" und den "testosterongeschwängerten Affenstall", der seiner Ansicht nach nicht zur Resozialisierung von Kriminellen tauge. Von seinen Scharmützeln mit den Anstaltsleitungen, seiner Einzelgängerrolle in den Haftanstalten und seinen Forderungen an Reformen in diesem System berichtete Laux den gebannt Zuhörenden und machte deutlich, warum der Knast trotz aller Gegenmaßnahmen ein "Drogenparadies" ist. Und er machte durchaus nachvollziehbare Reformvorschläge: Es brauche mehr Beamten, keine Notgemeinschaften in überbelegten Zellen oder Suizidkontrollen im Minutentakt, ein besseres Übergangsmanagement für die Gefangenen, mehr Ausbildungsmöglichkeiten speziell für junge Gefangene und etwa im Falle von Ersatzstrafen besser einen Einsatz im sozialen Dienst als die "zerstörerische Wirkung der Haft". "Das Gefängnis ist kein Ort der Sozialisation, sondern der Asozialisation. Eine Schule des Verbrechens", ist Laux überzeugt.

Die meisten Menschen im Gefängnis nutzten die Zeit nicht, um sich weiterzuentwickeln, betonte er. Er habe dies getan und das Schreiben für sich genutzt. Seine Lebensgeschichte erzählte er spannend und schonungslos ehrlich, legte aber bei der Anmoderation des Abends durch Krimifestival-Organisator Uwe Lischper Wert darauf, als ehemaliger Straftäter bezeichnet zu werden. Recht hat er.

Doch es blieb das Gefühl, dass "Zorro, der Gentleman-Bankräuber" auch ein wenig stolz auf seine Taten ist. Dass er bei seinen Überfällen mit Höflichkeit vorgegangen war, konnte man sich leicht vorstellen. Und dass er stets mit ungeladener Waffe Geld gefordert hatte, auch. Doch dass seine Taten, wie im Prozess von Zeugen ausgesagt und von einer Zuhörerin nachgefragt, tatsächlich spurlos an den Bankmitarbeitern vorbeigegangen seien, klang wenig glaubhaft. Umso mehr als Laux zuvor eigenes Leid betont hatte. Gegen ein bisschen Selbstmitleid ist offenbar auch "Zorro" nicht immun. FOTO: GL

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