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Gefährliches Bauchgefühl

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Von: Eva Diehl

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Sie geben einfache Antworten auf komplizierte Fragen und kämpfen gegen das System. Warum Menschen zu Antidemokraten werden und ab wann das gefährlich ist, untersuchen Forscher der JLU Gießen. Im Interview sprechen Politologin Dorothée de Nève und Kunstpädagoge Ansgar Schnurr über Bildung, soziale Ungleichheit und Kritik.

Über Fakten ist in den letzten Monaten hitzig diskutiert worden. Mit wissenschaftlichen Ergebnissen wollen sich Dorothée de Nève und Ansgar Schnurr nun in gesellschaftliche und politische Diskussionen einmischen. Die Professorin für das politische und soziale System Deutschlands und der Professor für Kunstpädagogik der Justus-Liebig-Universität (JLU) Gießen arbeiten in einem breit angelegten Projekt zusammen. In dieser Woche trifft sich der Forschungsverbund »Antidemokratische Haltungen – Herausforderungen für Bildung und Sozialisation« zur ersten Tagung in Gießen.

Was ist eine antidemokratische Haltung?

Dorothée de Nève: In der Forschung verstehen wir darunter grundlegende Orientierungen, die uns helfen, mit den Herausforderungen des Alltags klarzukommen. Man könnte sagen, dass es um das berühmte Bauchgefühl geht. Antidemokratische Haltungen stellen demokratische Grundprinzipien, Prozesse und Entscheidungen infrage.

Ansgar Schnurr: Offenkundige Phänomene sind sicherlich Rechtsextremismus und Islamismus. Es gibt jedoch auch kleine und nicht minder interessante Bereiche, die relevante Ansätze antidemokratischer Haltungen bergen, zum Beispiel wenn Meinungsvielfalt und Verschiedenheit als bedrohlich dargestellt werden. Das kann auch im sozialen Alltag sein, in der Kunst oder im Sport.

Darf man Demokratie nicht kritisieren?

de Nève: Unbedingt! Die Demokratie unterscheidet sich ja gerade von anderen politischen Systemen darin, wie sie mit ihren Kritikern umgeht. Es ist immer erlaubt, Kritik zu üben, Vielfalt der Einstellungen und Wettbewerb um die besten Ideen sind erwünscht. Bei antidemokratischen Haltungen geht es um dieses destruktive Moment, das das gesellschaftliche Miteinander grundsätzlich infrage stellt.

Wann wird Kritik am politischen System gefährlich?

de Nève: An sich kann ein demokratisches System Kritik und Kritiker aushalten. In unserem Forschungsverbund geht es uns weniger um die Demokratie als politisches System, als um die Demokratie als Lebensform.

Schnurr: Antidemokratisch ist es gerade dann, wenn eine abweichende Meinung nicht ausgehalten wird, oder auch wenn versucht wird, eine nicht auszuräumende Verschiedenheit zu verdrängen. Das sehen wir vielfach in der politischen Landschaft, aber auch in unserem Alltag. Hier wird nicht die Kritik an sich gefährlich, sondern die Faszination des Autoritären, die für nicht wenige Menschen einfache Lösungen und vermeintliche Klarheit verspricht.

In welchen Situationen stecken Menschen, die zu Antidemokraten werden?

de Nève: Das ist eine spannende Frage. Ich würde gerne einen Vergleich machen, indem wir diese antidemokratische Haltung uns wie eine Brille vorstellen. Wenn jemand eine solche Grundhaltung hat, sieht er eben alles, was passiert oder alle Dinge, denen er begegnet, durch diese eine Brille. Die entscheidende Frage, die uns in unserer Forschung beschäftigt, ist, wie diese Brille auf die Nase kommt.

Soziale Ungleichheit betrachten Sie ebenfalls. Welche Rolle spielt sie?

de Nève: Die wachsende soziale Ungleichheit ist ein gravierendes gesellschaftliches Problem der Gegenwart. Ich habe indes Zweifel, dass die soziale Ungleichheit in einem unmittelbaren Zusammenhang mit der Verbreitung antidemokratischer Haltungen steht. Antidemokratische Haltungen sind in allen gesellschaftlichen Schichten vertreten. Vielleicht artikulieren sie sich unterschiedlich, aber es gibt sie überall.

Ist eine antidemokratische Haltung eine Frage von fehlender Bildung?

de Nève: Ich glaube, dass wir in der ganzen Nachkriegszeit davon ausgegangen sind, dass wir durch politische Bildung Einstellungen von Bürgern verändern können. Ich halte diesen Ansatz für immens wichtig. Aber es gibt eben noch diese Ebene darunter, auf dem diese Einstellungen wachsen. Dabei geht es oft gar nicht unbedingt um bewusste Prozesse. Vielmehr entstehen antidemokratische Haltungen auch in sozialen Interaktionen oder nonverbalen Handlungen. Wenn wir antidemokratische Haltungen abbauen wollen, sind Bildungsangebote eine Antwort. Aber das wird nicht reichen. Es geht darum, auch unser unbewusstes Handeln kritisch zu reflektieren.

Können Eltern, Lehrer oder Freunde etwas dagegen tun, dass Menschen in ihrem Umfeld zu Antidemokraten werden?

de Nève: Klar. Das ist das Ziel unserer Forschung. Wenn wir verstehen, wie antidemokratische Haltungen entstehen und unbewusst reproduziert werden, ist das der erste Schritt auf dem Weg, dagegen erfolgreich vorzugehen.

Schnurr: Ich bin überzeugt davon, dass man einige grundlegende Erfahrungen des Demokratischen bereits in der Familie anbahnen kann, in der Schule hoffentlich sowieso: Nämlich, dass Vielfalt und Verschiedenheit nichts absolut Bedrohliches sind, und auch, dass man darüber debattieren kann, ohne dass am Ende eine einzige Position stehen muss.

Warum beschäftigen sich Wissenschaftler mit diesem Thema?

de Nève: Es gibt für uns zwei Gründe: Erstens sind antidemokratische Haltungen in unserer Gesellschaft weit verbreitet. Es ist Aufgabe der Wissenschaft, Antworten zur Lösung dieser gesellschaftspolitischen Probleme zu liefern. Zweitens bilden wir an der Justus-Liebig-Universität Lehrer aus. Dieser Forschungsverbund wird einen Beitrag dazu leisten, die Ausbildung zu optimieren und konkrete Vorschläge für den Unterricht zu erarbeiten.

An dem Forschungsverbund sind neben Soziologen, Politik- und Erziehungswissenschaftlern auch Kunstpädagogen und Sportwissenschaftler beteiligt. Was haben Kunst und Sport mit antidemokratischen Haltungen zu tun?

Schnurr: Das ist eine auch für uns spannende Frage. Ich habe oft die Erfahrung gemacht, dass das Aufregende in der Kunst darin liegt, etwas »anders« zu sehen. Das ist oft herausfordernd. Man kann dabei eindrücklich lernen, dass es ein Gewinn ist, die Dinge in fremdartigen Erscheinungen zu sehen. Im Sport geht es oft um Wettstreit, bei dem es ebenfalls viel zu lernen gibt. In unserem Verbund erforschen wir solche und andere Prozesse also aus ganz unterschiedlichen Disziplinen heraus.

Was haben die Gießener davon?

de Nève: Dieses ganze Forschungsprojekt, an dem wir gemeinschaftlich arbeiten, hat eine hohe Praxisrelevanz. Insofern werden wir uns mit unseren Forschungsergebnissen in gesellschaftliche Debatten einbringen. Wir organisieren öffentliche Diskussionsveranstaltungen, wir veröffentlichen unsere Ergebnisse in Blogbeiträgen und Videos. Gerade bei diesem aktuellen Thema ist der Transfer von Wissen und Austausch super wichtig.

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