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Mit Kerzen wird auf dem Kirchenplatz der Corona-Toten gedacht.

Corona-Tote

Gedenkveranstaltung in Gießen: Die Schicksale hinter den Zahlen

  • Christoph Hoffmann
    VonChristoph Hoffmann
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Fast 80 000 Deutsche sind seit Ausbruch der Corona-Pandemie an oder mit einer Covid-19-Infektion gestorben. Am Sonntagabend wurde der Toten auch in Gießen gedacht.

Gießen – Als Prof. Werner Seeger auf die Kinder zu sprechen kommt, versagt ihm die Stimme. Vier Kinder zwischen drei und zwölf Jahren hinterlässt ein 43-jähriger Familienvater, der in der Gießener Uniklinik den Kampf gegen Corona verloren hat. Seeger, Ärztlicher Geschäftsführer des UKGM, hat am Sonntagabend auf dem Kirchenplatz die Geschichten von vier Menschen erzählt, die in der Uniklinik an Covid-19 gestorben sind. Um an sie zu erinnern, um den Zahlen, die jeden Tag veröffentlicht werden, ein Gesicht zu geben.

Bundesweit wurde am Sonntag der Toten der Corona-Pandemie gedacht. Auch die Stadt Gießen beteiligte sich, zusammen mit dem Rat der Religion im Kreis Gießen lud die Stadt zu einer Gedenkveranstaltung ein.

Gießen gedenkt der 212 Corona-Toten am Uniklinikum

Es sind gut 100 Menschen, die um 18 Uhr dem Glockengeläut auf dem Kirchenplatz beiwohnen. Weitere verfolgen die Veranstaltung am Bildschirm, die Gedenkveranstaltung wird per Live-Stream ins Internet übertragen. Die Teilnehmer sehen, wie Gießens Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz das Podium betritt und sich vor das Mikrofon stellt. »Die Pandemie hat viele Gesichter: ängstliche, wütende, müde, traurige, verzweifelte«, sagt die OB und erzählt davon, wie sehr Corona alle Altersklassen treffe. »Betroffen und traurig müssen wir feststellen, dass wir nicht alle Menschen haben schützen können«, sagt Grabe-Bolz und erinnert daran, dass weltweit bisher fast drei Millionen Menschen an Covid-19 gestorben sind. Fast 80 000 davon in Deutschland, 337 im Landkreis Gießen, wo nicht nur in der Universitätsstadt der Toten gedacht wurde. Gleichzeitig betont die OB in ihrer Rede, dass Zahlen wenig aussagen über das Leid der Betroffenen. »Um der in der Pandemie verstorbenen Menschen zu gedenken und ihnen ein Gesicht zu geben, haben wir uns heute auch in der Stadt Gießen versammelt.«

Zwischen den Redebeiträgen spielten drei Bläser des Stadttheaters Musik. Die melancholischen Stücke sorgten bei vielen Besuchern für Ergriffenheit, mit Kerzen in den Händen schauten sie zu Boden.

Jüdische, muslimische und Vertreter der Bahai-Gemeinde waren ebenfalls an der Veranstaltung beteiligt. Diese Vielfalt der Religionen hob auch der katholische Dekan Hans-Joachim Wahl hervor und zündete zudem zwei Kerzen im Namen der hinduistischen sowie der buddhistischen Glaubensgemeinschaft an. Zuvor hatte Probst Matthias Schmidt das Wort ergriffen: »Heute geht unser Blick zu den Menschen hinter den Zahlen. Den Menschen, die an und mit Corona verstorben sind, zu ihren Angehörigen und Freunden. Für Partner, Kinder und Eltern, Verwandte, Freunde und Nachbarn war und ist es eine schwere Zeit, voller Schmerz und Trauer.«

Trauerfeier in Gießen: Den Verstorbenen ein Gesicht geben

Dann betrat Prof. Seeger das Podium. Er sprach nicht von Bettenbelegung, Behandlungswegen oder Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie. Der Ärztliche Geschäftsführer des UKGM erzählte von vier Menschen, die in der Uniklinikum an Corona gestorben sind.

Neben dem 43-jährigen Familienvater etwa ein 61-jähriger Arzt kurz vor dem Ruhestand, ein rüstiger Rentner oder eine 46-jährige Zahnarzthelferin, die sich vermutlich in der Praxis angesteckt hat. Sehr sportlich sei sie gewesen und habe an Marathonläufen teilgenommen, sagte Seeger. Sichtlich mitgenommen fügte er an: »Nach fünf Wochen war klar, dass ihre Lunge so zerstört ist, dass gar nichts mehr gehen wird.« Sie starb während der dritten Welle.

212 Menschen sind seit Ausbruch der Pandemie im Gießener Uniklinikum an Covid-19 verstorben. Zumindest vieren von ihnen konnte Seeger am Sonntag auf dem Kirchenplatz ein Gesicht geben.

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