+
"Wir wollen hier weiterhin leben und jüdisches Leben gestalten. Wir lassen uns nicht vergraulen, von wem auch immer", hielt der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Dow Aviv (r.), in seiner Ansprache fest. (Fotos: srs)

Gedenkstunde zum Jahrestag der Auschwitz-Befreiung

Gießen (srs). Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Gießen, Dow Aviv, hat zu einem stärkeren Engagement zum Schutz der Juden sowie weiterer Minderheiten aufgefordert. "Das fordern wir ein", sagte er am Dienstag während einer Gedenkstunde aus Anlass des 70. Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz.

Weiter betonte Aviv in seiner Ansprache: "Wir wollen hier weiterhin leben und jüdisches Leben gestalten. Wir lassen uns nicht vergraulen, von wem auch immer."

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde wandte sich in seiner Ansprache vor 120 Gästen im Netanyasaal des Alten Schlosses auch gegen Gruppen wie Pegida und deren "Straßenparolen". Es sei geboten, sich jeder Ausgrenzung – ob gegen Juden, Christen oder Muslime – entgegenzustellen "und sicheren Schutz für jeden zu bieten". Ganz Europa befinde sich derzeit in einer "angespannten Lage", sagte er. Inzwischen sei die Frage berechtigt, "ob unsere Kultur bedroht ist".

Der Jahrestag der Befreiung von Auschwitz sei ein Tag zum Nachdenken, so Avivs Appell. "Es ist unsere Pflicht, über den Holocaust aufzuklären, um eine Wiederholung dieser grauenhaften Geschehnisse zu verhindern", zitierte er die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth. "Wir wissen aber auch um die erneuten Gefahren von Nationalismus, Antisemitismus, Rassenhass und Fundamentalismus bei uns in Deutschland und anderswo – Tag für Tag. Und wir wissen, wie sehr politische Wachsamkeit gefordert ist."

Zu Beginn seiner Rede zitierte Aviv den Chefankläger der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse, Robert Jackson. So berichte die Geschichte von "keinem Verbrechen, das sich jemals gegen so viele Opfer gerichtet hat oder mit solch einer berechnenden Grausamkeit begangen worden ist." Aviv mahnte, den verbliebenen Zeitzeugen Gehör zu schenken. "Wer einem Überlebenden zugehört hat, wird selbst zum Zeugen", berief er sich auf den Auschwitz- und Buchenwald-Überlebenden Eli Wiesel.

Geschichte nicht vergessen

Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz verwies in einem Grußwort auf "erschreckende Ergebnisse" einer aktuellen Umfrage, wonach 81 Prozent der Deutschen die Geschichte der Judenverfolgung "hinter sich lassen" und 58 Prozent gar einen "Schlussstrich" ziehen wollen. "Geschichte macht man nicht ungeschehen, indem man sie vergisst", hob sie hervor. Umso höher sei die Verantwortung, "die Stimme zu erheben".

Weiter erinnerte die Oberbürgermeisterin an Josef Brumlik – einen der wenigen Juden, die nach der Shoa nach Gießen zurückkehrten, der unter anderem ein neues Gemeindezentrum mit aufzubauen begann und die Gedenkplatte vor der Kongresshalle initiierte, wo bis 1938 die größte Synagoge der Stadt gestanden hatte. "Er wandte sich unaufhörlich gegen das Vergessen", erklärte Grabe-Bolz.

Ein Grußwort hielt auch der evangelische Pfarrer für Stadtkirchenarbeit, Klaus Weißgerber. Die Ricarda-Huch-Schüler Ursula Kniese, Simon Hennig und Sarah Sojka schilderten unter anderem das Schicksal eines Gießener Ehepaars unter dem Nationalsozialismus: Heinrich Will wurde denunziert, da er mit einer jüdischen Frau verheiratet war, und später hingerichtet. Elisabeth Will verlor in Auschwitz ihr Leben.

Musikalisch begleitete die Gedenkstunde Peter Ehm. Er intonierte Klezmer-Stücke auf der Klarinette. Isaak Kaminer schloss die Gedenkstunde mit dem Totengebet, dem Kaddisch. Durch den Abend führte Cornelius Mann von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Gießen-Wetzlar. Unter den Besuchern waren auch Vertreter Gießener Religionsgemeinschaften. Repräsentanten der Islamischen Gemeinde Gießen wechselten am Rande Worte mit dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde. "Wir fühlen mit den Juden, gedenken der Gräueltaten", sagten sie.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare