Das Pförtnerhäuschen soll im Rahmen der Entstehung eines Lern- und Gedenkortes am Meisenbornweg rekonstruiert werden. FOTO: SCHEPP
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Das Pförtnerhäuschen soll im Rahmen der Entstehung eines Lern- und Gedenkortes am Meisenbornweg rekonstruiert werden. FOTO: SCHEPP

Meisenbornweg

"Gedenkort Meisenbornweg erfolgreich umsetzbar"

  • Marc Schäfer
    vonMarc Schäfer
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Aus dem ehemaligen Standort der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung am Meisenbornweg soll ein Lern- und Gedenkort werden. Die Eröffnung ist für Ende 2023 geplant. Nun wurden erste Schritte auf dem Weg dorthin vorgestellt.

Die Essenszeit ist noch angeschlagen, der Zutritt zur Küche nach wie vor verboten und ein Parkplatz weiterhin für einen Dienstwagen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BaMF) reserviert. Seit das Land Hessen den Standort Meisenbornweg als Teil der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung (HEAE) im Sommer 2018 geschlossen hat, erinnern nur noch Details an die bedeutsame Historie dieser Anlage, die wohl so authentisch wie kein zweiter Ort Flucht, Migration und vor allem deutsch-deutsche Geschichte bezeugen kann.

Folgerichtig soll am Meisenbornweg - das ist bekannt - ein Lern- und Gedenkort entstehen. Die Landesregierung hat das bereits 2018 in ihrem Koalitionsvertrag verankert, das Gießener Stadtparlament kurz danach beschlossen, gemeinsam mit dem Land ein Konzept für die zukünftige Nutzung des geschichtsträchtigen Ortes als Gedenkstätte zu erarbeiten. Neu ist: Die Eröffnung soll Ende 2023 sein.

Bundesweit erster Standort einer Reihe

Über vier Jahrzehnte war der Meisenbornweg als Notaufnahmelager zentraler Anlaufpunkt für Dissidenten und Flüchtlinge aus der DDR und damit für rund 900 000 Menschen aus Ostdeutschland der erste Schritt in ein neues Leben. Für die Staatssicherheit der DDR galt die Adresse als Feindobjekt. Vor und nach den Übersiedlern aus der DDR wurden zwischen 1946 und 2018 im Meisenbornweg nacheinander Heimatvertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, Spätaussiedler aus der früheren Sowjetunion, Kriegsflüchtlinge vom Balkan und zuletzt - mit dem Höhepunkt im Sommer 2015 - Flüchtlinge und Asylsuchende aus diversen Herkunftsländern aufgenommen.

Am Freitagabend wurden nun im Rahmen einer internen Informationsveranstaltung in der Alten Kunsthalle in der Kongresshalle ausgewählten Akteuren, darunter Oberbürgermeisterin Dietlind-Grabe-Bolz, Bürgermeister Peter Neidel und Regierungspräsident Christoph Ullrich, von Alexander Jehn, dem Direktor der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, und Peter Wellach vom mit der Machbarkeitsstudie beauftragten Büro "Beier + Wellach" aus Berlin erste Schritte auf dem Weg zum Gedenkort sowie Ideen für ein mögliches Nutzungs- und Betriebskonzept vorgestellt.

Dabei wurde klar, dass der Zeitplan eng getaktet ist. Um die vom Bund bereits im Haushalt 2020 eingestellte Förderung in Höhe von 1,8 Millionen Euro abrufen zu können, muss u. a. bis Ende Juli 2021 in Berlin ein Konzept für Nutzung, Betrieb und Dauerausstellung unter denkmalschützerischen, pädagogischen und finanziellen Gesichtspunkten eingereicht werden, über das eine Kommission aus Wissenschaftlern unter der Führung von Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien, berät und den Daumen heben muss. Eine Entscheidung der Kommission würde dann für Ende 2021 erwartet. Läuft alles glatt, könnte die Realisierung im Frühjahr 2022 beginnen und im November 2023 mit der Eröffnung enden.

500 Quadratmeter Dauerausstellung

Gießen wäre damit bundesweit der erste Standort der Reihe "Lern- und Gedenkorte für positive Demokratiegestaltung", für die sich auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier enorm einsetzt und zu der später zum Beispiel auch die Frankfurter Paulskirche gehören soll. Die Kostenschätzung für das Projekt Meisenbornweg liegt bei 3,6 Millionen Euro. Neben den 1,8 Millionen Euro vom Bund sollen weitere 1,8 Millionen vom Land zugesteuert werden, das in der Staatskanzlei bereits eine Task Force für Gießen gegründet hat. Nach Informationen dieser Zeitung soll Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) bereits zugesagt haben, dass das Land auch die Trägerschaft für den "Lern- und Gedenkort" und damit u. a. die laufenden Kosten übernehmen werde.

Die Machbarkeitsstudie von "Beier + Wellach" betont das besondere Potenzial des einstigen Notaufnahmelagers als Lern- und Gedenkort. Besonders die Unterbringung an dem authentischen Ort auf einer weitgehend historisch gewachsenen Gesamtanlage schlage positiv zu Buche. Mit einem überzeugenden Nutzungs- und Betriebskonzept ließe sich ein solcher Erinnerungsort "erfolgreich umsetzen", hieß es.

Für diese geplante Umsetzung mit einer 500 Quadratmeter großen Dauerausstellung und einer 150 Quadratmeter großen wechselnden Ausstellung sollen laut Studie die ehemalige Gemeinschaftshalle, das Krankengebäude und die Verwaltung genutzt werden. Das Pförtnerhäuschen sollte zudem "aufgrund seiner historischen Aussagekraft als öffentlicher Gedenkort rekonstruiert" werden. Und auch das Denkmal für den 17. Juni 1953 soll an seinen ursprünglichen Standort zurückgeführt werden.

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