Seit Juni 2009 führt Gabriel Artuc (l.) das "Marbobo" in der Ludwigstraße.
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Seit Juni 2009 führt Gabriel Artuc (l.) das »Marbobo« in der Ludwigstraße.

Zu Gast bei »Marbobo« in der Ludwigstraße

(srs). Gießens größter Biergarten ist – zumindest zu später Stunde im Sommer – der Universitätsplatz in der Ludwigstraße. Die Gießener Allgemeine Zeitung hat den Mann besucht, der dafür maßgeblich Verantwortung trägt: Gabriel Artuc steht im Kiosk »Marbobo« hinter der Theke.

Den felsigen, kargen Landstrich umgibt ein Gebirgszug. Weniger als 60 Menschen leben in den einfachen flachen Häusern des Dorfs Günyurdu im Südosten der Türkei. Den an der alten Seidenstraße gelegenen Ort nennen die Aramäer: Marbobo. »Mein Vorgänger stammt aus dem Dorf«, erzählt Gabriel Artuc, Inhaber des »Marbobo« in der Ludwigstraße. »Eigentlich wollte ich den Namen ändern. Bei den Kunden aber hatte er sich schon durchgesetzt.« Auch in der Frankfurter Straße rief der Vorgänger übrigens einen kleinen Kiosk mit demselben Namen ins Leben. »Heute haben die Läden nichts mehr miteinander zu tun«, erklärt Artuc.

Samstagabend. Die Läden in der Fußgängerzone haben längst geschlossen. Stille herrscht vor dem Uni-Hauptgebäude. Zum Sitzen auf den Bänken ist es noch zu kalt. Zu hören ist immer wieder nur eines: das Öffnen und das Schließen der Tür im »Marbobo«. Keine Minute vergeht, in der nicht Kunden im Kiosk vor den Regalen stehen. Es sind kleine Gruppen. Überwiegend Studenten, die sich für den restlichen Abend eindecken mit Chips und Bier, Zigaretten und Wein. »Die Auswahl hier ist einfach besser als an jeder Tanke«, hält ein Gast fest – und greift zu einer Bierflasche. »Bayreuther Hell. Das bekommst du jetzt um diese Uhrzeit höchstens noch im Späti.«

Hinter der Theke steht Gabriel Artuc. Ein freundliches, in sich ruhendes Lächeln schimmert durch seinen Vollbart, wenn er Kunden einen Becher Kaffee oder eine Packung Zigaretten reicht. Ein leicht rollendes »R« ist zu vernehmen, wenn er sich mit seinen Gästen unterhält – und verleiht ihm zusätzlich einen gemütlichen Tonfall. Der Kiosk-Inhaber stammt aus dem Allgäu. Mit zwölf Jahren kam er nach Hessen.

Das Bier, das er verkauft, dürfen die Kunden wohlgemerkt nicht im Kiosk selbst und auch nicht draußen auf dem Bordstein trinken. »Keine Schanklizenz«, erklärt der 35-Jährige. Und doch erfüllt Artuc für mehrere Gäste die Rolle eines Kneipenwirts. Mit vielen Besuchern hat er freundschaftliche Bande geschlossen. Plaudernd stehen sie rund um die Ladentheke, lachen und scherzen im Gespräch mit Artuc. Als der GAZ-Reporter nach Anekdoten fragt, hält der Eigentümer trocken fest: »Ditsche ist ein Scheiß dagegen.

« Ob Anwälte, Ärzte, Studenten oder Obdachlose – »alle gehen hier ein und aus.« Dann erzählt er von zwei Brüdern, »groß wie Berge«, die regelmäßig den Laden betreten – und Kaffee regelrecht in Massen trinken. »Die beiden machen sich dann lustig über die, die ihr Bier hier drin nicht trinken dürfen, während sie Becher für Becher, manchmal zwölf am Stück, schlucken.« Eine bedrohliche Situation, betont Artuc, habe er zum Glück noch nicht erlebt. Allein ist er in seinem Kiosk allerdings auch nie.

Der Inhaber des »Marbobo« hat bereits mehrere Jobs hinter sich. Als Friseur hat er gearbeitet, in einem Baumarkt. An der Abendschule hat er dann sein Abitur nachgeholt. Doch anstatt zu studieren, ergriff der 35-Jährige mit aramäischen Wurzeln schließlich die Gelegenheit, den Kiosk zu übernehmen. »Hier bin ich mein eigener Herr.« Bisweilen steht er in seinem Laden auch zwölf Stunden am Stück, von ein Uhr am Nachmittag bis ein Uhr in der Nacht. Doch oft helfen seine Frau und sein Bruder aus. Die Arbeit sei durchaus aufwendig, erklärt Artuc. Auf Privatsphäre müsse er im Kiosk verzichten.

Gleichzeitig sei er »zum Nachtmenschen mutiert. Wenn ich hier abschließe, bestelle ich mir oft noch eine Pizza oder ziehe mit Freunden los«. Derzeit stehen in seiner Freizeit außerdem seine beiden Kinder – fünf Jahre und drei Monate jung – im Mittelpunkt

Vor allem an Wochenenden im Sommer strahlt das »Marbobo« eine magnetische Anziehungskraft auf Studenten aus. Ein Besucher, Tim Baker, beschreibt es treffend: Im Sommer entwickle sich der Universitätsplatz in den Nachtstunden zum »größten Biergarten Gießens«. Dreh- und Angelpunkt zur Versorgung ist dabei der Kiosk in der Ludwigstraße. Artuc hat zu der Entwicklung maßgeblich beigetragen. Ein Obsthandel war im »Marbobo« einst beheimatet. Als Artuc den Kiosk im Juni 2009 übernahm, richtete er das Angebot noch stärker auf die Nachtschwärmer aus. Außerdem verlängerte er die Öffnungszeiten bis auf 1 Uhr am Wochenende. Dass die Universität das Treiben auf dem Platz vor ihrem Hauptgebäude im Sommer kritisch beäugt, ist ihm bewusst. 2012 sei es zum Teil ausgeartet, räumt er ein. Damals hat die Uni ein Alkoholverbot ausgesprochen und außerdem einen Sicherheitsdienst für die Nachtstunden engagiert.

Mittlerweile habe sich die Lage aber entspannt, merkt der Kiosk-Besitzer an. »Letzten Sommer«, glaubt er, »hat die Uni die nächtliche Nutzung des Platzes zum ersten Mal akzeptiert.«

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