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Lotta (links), Milla und Mutter Claudia sammeln Müll im Wald nahe Eichendorffring, auch der Nachbarsjunge Lino und Familienhund Beppo sind dabei.

Gassi gehen für einen sauberen Wald

  • Daniel Beise
    VonDaniel Beise
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Hund Beppo hat den Stein angestoßen: Familie Stolle war nach den ersten Gassi-Runden erstaunt über die Müllmassen im Wald am Eichendorffring. Jetzt sind die Stolles ehrenamtlich als »Sauberkeitspaten« unterwegs und befreien nicht nur Waldwege von Abfall.

Vergangenen Samstag, 10 Uhr. Mutter Claudia sitzt mit ihren Töchtern Milla und Lotta am Frühstückstisch. Vater Matthias ist mit dem achtjährigen Sohn Caius im Skatepark. Familie Stolle wohnt im Eichendorffring. Die fünf Familienmitglieder sind »Sauberkeitspaten« für Gießen.

»Das Ganze hat mit Mama und unserem Hund Beppo angefangen«, beginnt die 20-jährige Lotta zu erzählen. Vor zwei Jahren wurde Beppo neues Familienmitglied. Fortan gingen die Stolles oft im angrenzenden Wald spazieren. »Es ist echt unglaublich, was man im Wald alles findet«, fährt die Mutter fort. Fahrräder, Matratzen, Koffer, Teile von Schränken oder Technikgeräten, Kabel. Von der Licher Straße könne man ungehindert in den Wald fahren, den manche offenkundig als Sperrmüllablage missbrauchen. Durch den Wald führt der »Butterweg« zwischen Gießen und Annerod. Die Familie beginnt zunächst, vor allem an den Waldwegen Abfall wie To-Go-Becher, Plastik oder Kippenstummel einzusammeln. Trotzdem stehen sie manchmal mit drei vollen Müllsäcken da und fragen sich: »Was machen wir damit?«. Im eigenen Restmüll ist kein Platz.

»Irgendwann habe ich dann auf dem Weg zur Arbeit Werbung auf einem Müllwagen gesehen, dass Gießen ›Sauberkeitspaten‹ sucht«, sagt Claudia Stolle. Über die Stadt gelangt sie an Angelika Nailor vom Ehrenamtsverein, die das Projekt koordiniert. »Letztlich haben wir auch weitergemacht, weil die Stadt uns extra Müllsäcke bereitstellt, die wir zum Restmüll dazustellen können«, sagt die 49-Jährige. Sogar einen Bollerwagen hat die Stadt der Familie für den Transport gegeben. Große Teile an Sperrmüll wie etwa ein Möbelstück nehmen die Stolles allerdings nicht selbst mit. Dann informieren sie über den Online-Service »Mängelmelder« per Internet die Stadt Gießen. Das Stadtreinigungsamt kümmert sich dann um die Abholung. Den Melder findet man auf der Bürgerbeteiligungsplattform. Das sei allerdings wohl vielen noch nicht bekannt, vermutet die Mutter. Viele Spaziergänger fänden es super, wenn sie die Familie sammeln sehen, ihnen steche das Müllaufkommen auch ins Auge, sie würden aber oft erzählen, dass sie nicht wüssten, was sie dagegen machen können.

Kinder werden sensibilisiert

»Außerdem gibt es im Wald keinen einzigen Mülleimer«, merkt Tochter Lotta an. Findig, wie die Familie ist, hatte sie dafür eine Idee: Müllsäcke an Bänken aufhängen. Und siehe da: Einige entsorgen Abfälle dann auch dort, wo sie hingehören. Wenn sie voll sind, hängt die Familie einen neuen auf. Ein paarmal hätten sich die Säcke wie von Geisterhand ausgewechselt. »Wir haben gedacht, hier sind die Heinzelmännchen unterwegs«, scherzt Claudia Stolle. Wenige Gassirunden später haben sie ein Müll sammelndes Pärchen getroffen, das die Beutel ausgewechselt hatte. »Ach, ihr seid die anderen«, haben sie sich sofort erkannt und gefreut. Auch während der Lockdown-Phasen hätten vermehrt Leute Müll im Wald gesammelt.

So ist Familie Stolle zu einer echten Paten-Gruppe für die Sauberkeit in der Natur geworden - angestoßen durch Spaziergänge mit Hund Beppo. Dadurch wird auch ihr Umfeld achtsamer. Bei einer Geburtstagsparty für Milla haben die Eltern mit den Kindern beispielsweise eine Müll- statt einer Schatzsuche gemacht. »Das sensibilisiert die Kinder natürlich, wenn sie mit vollen Mülltüten aus dem Wald kommen«, sagt die Mutter.

»Man geht spazieren und sammelt ein bisschen, und beim nächsten Mal sieht es schon etwas sauberer aus. Das ist ein schönes Gefühl, wenn man einen sauberen Wald hat«, sagt die elfjährige Milla.

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