Edwin Zeiss hat in seinen 40 Jahren als Gail-Mitarbeiter viel erlebt. Jetzt ist er mit den noch verbliebenen Kollegen nach Holzheim gezogen.
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Edwin Zeiss hat in seinen 40 Jahren als Gail-Mitarbeiter viel erlebt. Jetzt ist er mit den noch verbliebenen Kollegen nach Holzheim gezogen.

Tradition endet

Gail: Abschied aus Gießen - Letzte Mitarbeiter gehen

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Der Name Gail ist untrennbar mit Gießen verbunden. Keramik wurde im Schiffenberger Tal aber schon lange nicht mehr produziert. Jetzt haben auch die letzten Mitarbeiter das Gelände verlassen und sind nach Pohlheim gezogen. Edwin Zeiss erinnert sich.

Gießen - Edwin Zeiss ist kein gefühlsduseliger Mensch. Er hat sein Leben lang geschuftet, und wenn das Tagwerk vor dem Feierabend erledigt war, hat er sich neue Arbeit gesucht. Beim Blick auf das verwilderte Gail-Gelände überkommt ihn trotzdem Wehmut. Er weiß noch genau, wie er hier Anfang der 80er das erste Mal an den Backsteinmauern vorbeigelaufen ist. Überglücklich, eine der begehrten Stellen ergattert zu haben.

»So stark hat es sich hier eigentlich gar nicht verändert«, sagt der 59-Jährige beim Blick auf die Industriebrache. Wenn man sich die allgegenwärtigen Grafitti, das wuchernde Gestrüpp und die eingeworfenen Fenster wegdenke, sehe es fast so aus wie damals. »Bis vor ein paar Wochen habe ich hier noch gearbeitet. Am 15. April sind dann die letzten von uns nach Holzheim gegangen«, sagt Zeiss. Er scheint in Gedanken zu schwelgen. »Ich habe hier in Gießen über 39 Jahre gearbeitet. Die 40 hätte ich gerne noch vollgemacht.«

1891 hat der Tabakindustrielle Wilhelm Gail die Gail’schen Dampfziegelei und Thonwarenfabrik gegründet. Mit den Jahren wuchs das Unternehmen stetig. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs waren rund 250 Mitarbeiter angestellt. 1960 waren es bereits 800, 20 Jahre später sogar doppelt so viele. Doch dann ging es bergab. Auf Verschmelzungen und Eigentümerwechsel folgte 1997 die Insolvenz. Die Produktion wurde verlagert, in Gießen verlieb lediglich die Verwaltung. 2002 wurde dann das Unternehmen als »Gail Architektur Keramik GmbH« neu gegründet. Jetzt der Umzug nach Holzheim-

Als Zeiss hier anfing zu arbeiten, war an solche Turbulenzen nicht zu denken. Das ganze Schiffenberger Tal florierte. »Über 5000 Mann sind jeden Tag zu Gail, Bänninger oder Heyligenstaedt geströmt. Man konnte hier mit harter Arbeit gutes Geld verdienen«, erzählt Zeiss.

Er selbst fing als Setzer und Anlagenführer bei Gail an. Damals wurde hier vor allem Keramik für den Hausgebrauch, für Bäder, die Industrie und Schwimmbäder gefertigt. Den Ton holten die Männer aus den Gruben am Schiffenberg. Anschließend wurde er durch eine Art Fleischwolf gedreht, getrocknet, glasiert, gebrannt, sortiert und verpackt. »Wir haben im Akkord gearbeitet. Trotzdem war es schön. Der Zusammenhalt unter den Kollegen war toll.«

Zeiss läuft den schmalen Pfad am Rande des Geländes entlang. Fast 18 Hektar groß ist das zwischen Leihgesterner Weg und Grüninger Pfad gelegene Areal, auf dem früher die weltbekannten Fliesen hergestellt wurden. An allen Ecken kommen bei Zeiss Erinnerungen hoch. Die vier Silo-Türme zum Beispiel, die in den Himmel ragen. »Darin wurde Quarzsand gelagert. Der wurde beim Brennen zwischen die Fliesen gebracht, damit sie nicht aneinander klebten.«

Gail in Gießen: Die Flucht des Insolvenzverwalters

Oder die zugewucherten Bahngleise. »Abends kamen die Güterwaggons, morgens haben wir sie dann beladen.« Nicht ohne stolz erzählt Zeiss, dass er mit seinem Kollegen am Tag 20 Tonnen Fliesen auf die Brennwagen verfrachtet habe. Mit der Hand, versteht sich. Ein Knochenjob? Zeiss grinst. Dann spannt er seinen Bizeps an.

Kein Zweifel, der 59-Jährige verbindet mit dieser Zeit viele schöne Momente. Er kann aber nicht verbergen, dass der Blick auf die heruntergekommenen Gebäude auch schmerzhafte Erinnerungen weckt. Zeiss weiß noch genau, wie sich der damalige Insolvenzbeamter mit den Millionen aus den Staub machte. Interpol schnappte ihn, das Geld aber war weg. Es sind aber vor allem die Erinnerungen an die Kollegen, die Zeiss bedrücken. »Viele Leute mussten gehen, auch Freunde von mir.«

Nach seiner Zeit als Setzer ging Zeiss ins Lager, später arbeitete er im Versand und im Verkauf. Ein Glücksfall für den 59-Jährigen: Während die Produktion bereits 2002 ausgegliedert wurde, blieben der Verkauf, die Abwicklung und ein kleines Lager auf dem Gelände. »Als ich hier angefangen habe, waren wir fast 2000 Mann«, erzählt Zeiss. »Beim Auszug vor drei Monaten waren es keine 20 mehr.« Die leer gewordene Halle, in der Zeiss bis zuletzt arbeitete, hat nun der Zoll bezogen.

Noch heute ist die Firma Gail auf dem internationalen Keramikmarkt präsent. Das Unternehmen hat zum Beispiel für die olympischen Spiele in Peking und Sydney die Schwimmbadfliesen geliefert, laut Zeiss ist zudem Saudi-Arabien ein großer Abnehmer für Industriemechanik.

Gail ist also immer noch eine große Nummer. Die Geschichte, die Wilhelm Gail vor 129 Jahren begonnen hat, wird fortgeschrieben. Das Kapitel Gießen ist seit dem 15. April 2020 jedoch geschlossen.

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