Lorenz_Eva_1_140821_4c_1
+
Nach 25-jähriger Tätigkeit geht Klinikpfarrerin Eva Lorenz in den Ruhestand.

Für die Seelen im Krankenhaus

  • VonRedaktion
    schließen

Gießen (pm). Warum müssen Menschen leiden und sterben? Auch am Ende ihres Berufsweges als Pfarrerin und nach 25-jähriger Tätigkeit als Klinikseelsorgerin kann Pfarrerin Eva Lorenz diese uralte Menschheitsfrage nicht beantworten. Ende August geht sie den Ruhestand.

»Meine Rolle war es nicht, diejenige zu sein, die mit der Antwort kommt. Ich wollte mit offenem Ohr und offenem Herzen Menschen ermöglichen, über das zu sprechen, was sie belastet und was sie trägt.« Lorenz hat erlebt, wie Menschen mit ihrem Leid und Schmerz umgehen, nach Sinn darin fragen und sich selbst Antworten geben, die eine Seelsorgerin gar nicht für sie geben kann. »Es war beeindruckend, wie Kranke und Sterbende selbst ihren Weg durch Schmerz und Leid finden, wenn dafür ein Raum unter den Augen Gottes da ist.«

Ganz tiefe Gespräche über das »Woher und Wohin« habe sie geführt, selbst wenn die Patienten nicht religiös geprägt sind, sagt Eva Lorenz. Klinikseelsorgende haben Zeit für persönliche Gespräche und - wenn gewünscht - mit Angehörigen. Ihren Berufsweg begann Lorenz als Vikarin in Annerod und später auf der ersten Pfarrstelle in der Gießener Wicherngemeinde. Nach der Geburt ihrer beiden Töchter nahm sie eine mehrjährige Familienzeit. Als sie in der Klinikseelsorge im Gießener St.-Josefs-Krankenhaus und im Uniklinikum begann, hatte ein Umdenken eingesetzt. Weil es um Leib und Seele der Patienten geht, wurden Klinikseelsorger in die Arbeit der neu entstandenen multiprofessionellen Teams der Geriatrie und der Palliativversorgung einbezogen. Deren Ziel ist es, die Lebensqualität und die Würde der Patienten zu erhalten, auch wenn keine Heilung mehr möglich ist.

Was brauchen die Patienten in ihrer konkreten Situation und wie können sie gut - auch am Lebensende - begleitet und betreut werden? Eva Lorenz hat es ausgesprochen Freude gemacht, diesen Prozess mitzugestalten. Auf der Internetseite der Palliativstation im Universitätsklinikum wird sie wie selbstverständlich als Teil des Teams vorgestellt. Die Pflege Leidender und Sterbender ist nicht nur fachlich anspruchsvoll, sondern auch seelisch belastend, weiß die Pfarrerin. Immer wieder war sie nicht nur Seelsorgerin für Patienten und Angehörige, sondern auch für die Mitarbeitenden.

In den zurückliegenden Jahren gerieten die Krankenhäuser zunehmend unter wirtschaftlichen Druck. Die Belastungen für das Personal stiegen. Hohen Respekt empfindet die Seelsorgerin für die Mitarbeitenden, die sich trotz des Drucks zutiefst menschlich gegenüber den ihnen anvertrauten Patienten verhalten. »Wo das geschieht, ist Gott am Werk«, erklärt die Pfarrerin.

Zusätzliche Belastungsprobe

Zur zusätzlichen Belastungsprobe wurde auch die Corona-Pandemie. »In den letzten eineinhalb Jahren habe ich eine enorme menschliche und fachliche Leistung gespürt.« Vor allem das Pflegepersonal musste Mehrarbeit leisten. Sie hatten nicht nur die Kranken zu versorgen, sondern vermittelten zwischen Patienten und Besuchern, die nicht ins Gebäude durften, und trugen Taschen mit Wäsche oder anderen Dingen durchs Haus. Die Sorge, bei allen Hygiene- und Vorsichtsmaßnahmen, Patienten oder auch eigene Familienangehörige mit dem Corona-virus anzustecken, belastete das Personal wie die Seelsorgerin - trotz früher Impfungen - gleichermaßen.

Im Gießener Uniklinikum finden Patienten und Besucher seit zehn Jahren eine Kapelle im Erdgeschoss des Neubaus. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde in den einzelnen Häusern des Krankenhauses Gottesdienst gefeiert. Eva Lorenz hat die Planung und die künstlerische Gestaltung gemeinsam mit den Verantwortlichen des Klinikums begleitet. »Die Rhön-Klinikum-AG wollte eine Kapelle für beide christlichen Kirchen. Der muslimische Gebetsraum entstand erst später. Die Kapelle ist ein Gottesdienstort, aber auch ein Rückzugsort für Patienten und Personal geworden.

Eva Lorenz war nicht nur Gesprächspartnerin an Krankenbetten, sondern ebenso über viele Jahre Geschäftsführerin des Evangelischen Klinikseelsorge-Teams in Gießen. Dabei hatte sie den Blick auf die ganze Kliniklandschaft in der Stadt, einschließlich der Vitos-Kliniken und des Evangelischen Krankenhauses Mittelhessen. Die Seelsorger gehören zu den Krankenhäusern, obwohl sie nicht von ihnen bezahlt werden. Das bietet ihnen ein hohes Maß an Freiheit. »Von außen zu kommen, war für mich immer ein großer Schatz«, sagt Eva Lorenz im Rückblick auf ihre Arbeit.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare