Früher war mehr Lametta

  • Karola Schepp
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Weihnachtskugeln mit Hakenkreuz, Plätzchen in Form eines Eisernen Kreuzes, Kriegspielzeug unterm Tannenbaum – Weihnachten und Politik gehören auf den ersten Blick nicht zusammen. Jo van Nelsen zeigt in seiner Grammofon-Lesung "Lametta, Gans und Siegerkranz", dass das zwischen 1850 und 1945 aber ganz anders gesehen wurde.

Gutbürgerliche Ehemänner im Deutschland des 19. Jahrhunderts schenkten ihrer Gattin zu Weihnachten schon einmal einen Thalysia-Büstenhalter – natürlich aus deutscher, nicht französischer Produktion. Für die Töchter gab es Puppen- perückenköpfe, für die Söhne Säbel und Spielzeugkanonen. Die Familie versammelte sich vor dem prunkvoll mit Lametta geschmückten Weihnachtsbaum. Es erklang Hausmusik und auch das eine oder andere Gedicht wurde vorgetragen.

Diese Stimmung zwischen Weihnachtskitsch und Heldenverehrung erweckt der Frankfurter Musikkabarettist Jo van Nelsen in seiner Grammofon-Lesung "Lametta, Gans und Siegerkranz" zum Leben. Mit der feierte am Dienstag das Literarischen Zentrum im Alten Schloss den Abschluss eines veranstaltungsreichen Jahres. Ein beeindruckendes Finale, denn was zunächst als skurril-unterhaltsamer Weihnachtskitsch daherkam, war im Grunde eine Zeitreise durch die deutsche Geschichte zwischen 1850 und Stunde Null. Nelsen gab einen beeindruckenden Einblick in "die deutsche Seele" in schwierigen Zeiten und die fatalen Folgen der Propaganda.

Nelsen, der schon als elfjähriger Junge seine Liebe zum Grammofon und zu Schellackplatten entdeckt hatte, hat jede Menge längst vergessene Texte zum Thema ausgegraben und präsentiert sie in bester Kabarettistenmanier. Die Verbindung von Text und Musik, ergänzt durch Bilder und Postkarten, ist ein multimediales Ereignis fernab von Geschichtsunterricht oder Nostalgieverklärung. Auf dem Plattenteller seines elektrischen Koffergrammofons von 1929 lässt Nelsen alte Märsche und schnulzige Weihnachtslieder erklingen. Er plaudert über Edisons erste Sprachaufnahmen von 1877, Emil Berliners Grammofon, bei dem gleichmäßig 78 Umdrehungen pro Minute gekurbelt werden mussten, und zelebriert das immer wieder erforderliche Wechseln der Nadeln als launiges Ritual. Dazu rezitiert er Texte, die zeigen, wie die Menschen seinerzeit tickten, aber auch wie sehr das Weihnachtsfest damals von der Politik instrumentalisiert wurde.

Den Kitsch der Anfangsjahre machten zwei aus heutiger Sicht unerträgliche Weihnachtsmelodramen überdeutlich. Es folgte Rainer Maria Rilkes Gedicht "Advent", das auch wegen seiner von Nelsen "eurythmisch angelegten" Vortragsweise dem Ruf des Dichters eindeutig schadet. Auch die Geschenktipps für unsere Uromas – vom Hosenstrecker über Socken gegen Schweißfüße – gehörten zum Panoptikum der skurrilen Weihnachtsauswüchse.

Ludwig Thomas satirische Geschichte vom "Christabend", an dem ein Oberstaatswanwalt vergeblich für seine drei Töchter nach Ehemännern sucht, sorgte für Heiterkeit. Doch spätestens mit "Aennes Nachtgebet", in dem ein Kind himmlischen Beistand für die Soldaten erfleht, war es vorbei mit dem trauten Weihnachtsglück – Politik und Kriegsverherrlichung hatten Einzug gehalten.

Kinder malten in Büchern Umrisse von Soldaten aus, Bücher wie "Wir spielen Weltkrieg" lagen auf ihrem Gabentisch und die Sozialisten und Kommunisten schimpften auf Weihnachten als "Fest der Bourgeoisie". Auch die Weltwirtschaftskrise schlug sich nieder. Kostete ein Tannenbaum 1921 noch 12 Reichsmark, waren es durch die Inflation 1922 schon 350 Mark pro Tanne.

Satiriker wie Erich Mühsam oder Kurt Tucholsky machten sich über Weihnachten lustig und die Nationalsozialisten wollten das Fest, an dem schließlich die Geburt des "Juden Jesu" gefeiert wird, am liebsten ganz abschaffen und zur "Mutternacht" wandeln. Plätzchen in Runenform, Weihnachtskugeln mit Hakenkreuz, ein Märchengarten statt Krippe – all das wurde in Broschüren für Hitlerjugend oder BDM propagiert. Mit Christine Brückners Text über "Die alt gewordenen Kinder des Dritten Reichs" zeigte Nelsen, welche Gehirnwäsche dieser Generation angetan wurde.

Dass er am Ende zu "Silent Night" als Soundtrack kommentarlos eine Liste mit den weltweiten Kriegen seit 1945 bis heute abspielte und nach diesem nachdenklich stimmenden Ende auf die vom Publikum geforderte Zugabe verzichtete, gehörte zu den nachdrücklichen Momenten eines ohnehin schon beeindruckenden Abends.

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