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Heute vor genau 50 Jahren: Der Zeitungsartikel über die Eingemeindung von Allendorf und Rödgen.

Frohlocken und gemischte Gefühle

Gießen (ixi). »Erster Schritt zur Lahnstadt getan. Gießen hat ab heute 3000 Einwohner mehr - Rödgen und Allendorf/Lahn eingemeindet«. So titulierte die Gießener Allgemeine Zeitung vom 1. Oktober 1971 die historischen Vorkommnisse vor 50 Jahren. Der damalige Tenor war deutlich erkennbar. »Bei den Stadtvätern von Gießen dürfte allgemeines Frohlocken herrschen über den Anfang der Großstadt, bei den Hauptverantwortlichen der beiden betroffenen Gemeinden sind die Gefühle schon zwiespältiger«, heißt es in den alten Zeitungsberichten.

Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz betonte gestern in ihrer Rede die Vorteile für die gewachsene Stadt. »Wir haben die freie Entscheidung von 1971 zu feiern. Die Eingemeindungen waren eine Bereicherung für uns alle«. Im Gegensatz zu Wieseck und Kleinlinden, welche während der NS-Diktatur eingegliedert wurden, hätte der freie Wille der rund 3000 Bewohner die Eingemeindung begünstigt. Die Reformdiskussionen der einzelnen Gemeinden innerhalb von Hessen bestanden nach Aussage der Oberbürgermeisterin schon seit den 1920er Jahren, als in Gießen ein großes Verwaltungszentrum geschaffen werden sollte, das schlussendlich in der Stadt Lahn 1977 gipfeln sollte. »Nach den Gebietsreformen von 1969 bis 1979 hatten wir schlussendlich sechs kreisfreie Städte, 416 kreisangehörige Gemeinden und 20 Landkreise in Hessen«, sagte die Sozialdemokratin. Das sei der Ausgangspunkt für eine bessere Infrastruktur gewesen. Grabe-Bolz unterstrich, dass die damalige Gebietsreform viele kontroverse Entscheidungen mit sich zog. »Alle Entscheidungen waren aber, bis auf die Stadt Lahn, erfolgreich.«

Die Stadt Lahn sollte ein Gegengewicht zu den beiden Städten Kassel und Frankfurt darstellen, scheiterte jedoch aufgrund der fehlenden Unterstützung. »Die Menschen konnten nicht überzeugt werden. Die Bürger konnten sich nicht mit der Retortenstadt anfreunden«, meinte Grabe-Bolz. Anders als bei der Stadt Lahn betonte sie, dass die Ortsteile Allendorf und Rödgen viel Bindung erhalten hatten und sich in die Stadt einfügten. »Sie haben ihre Eigenständigkeit gewahrt und geprägt. Gießens Charme besteht auch aus dörflich geprägten Stadtteilen«, sagte die Oberbürgermeisterin abschließend.

Allendorfs Ortsvorsteher Thomas Euler betonte, dass er die Veranstaltung lieber »Feierstunde« statt »Gedenkstunde« genannt hätte. Ebenso ging Euler direkt auf den Begriff der Eingemeindung ein und betonte, dass Gießen die beiden Gemeinden nicht geschluckt hätte. »Ich muss hier feststellen, dass die Gemeinden auf freiwilliger Basis sich der Stadt Gießen angeschlossen haben.« Dass Allendorf/Lahn seine Selbstständigkeit aufgab, hatte nach Euler simple Gründe. »Allendorf/Lahn war keine reiche Gemeinde. Wenig Gewerbe, kaum Waldbesitz und doch mussten die vielen Aufgaben, die die Gemeinden zu erfüllen haben, geleistet werden«, sagte Euler. Was die Stadt Lahn betrifft, betonte der Ortsvorsteher, dass er selbst ein »Lahn-Fan« ist. »Wir hätten heute sehr viele Synergien nutzen können. Aber das ist nun vorbei.« Nach der Wiedergründung der Stadt Gießen 1979 bekamen die Stadtteile zwar wieder Ortsbeiräte, doch diese wurden nicht so wahrgenommen wie noch bei der Eingemeindung.

Der damalige Ortsvorsteher Erhard Hofmann sah die Ortsbeiräte als »fünftes Rad am Wagen an«, denn manch ein Projekt fand bei den Verantwortlichen in Gießen kein Gehör. Nach einer Phase von Auf- und Abschwung wurde den Ortsbeiräten ab 2014 ein normiertes Antrags- und Rederecht in der Stadtverordnetenversammlung eingeräumt, was Euler lobend erwähnte. »Das war ein deutlicher Vertrauensbeweis der Stadtverordnetenversammlung gegenüber ihren Ortsbeiräten. Ich kann feststellen, dass der Ortsbeirat nun wieder mehr Gehör findet.« Der Ortsvorsteher würde sich heute wieder für einen Zusammenschluss mit Gießen entscheiden, denn »diese Entscheidung war gut«.

Ernüchterung in Rödgen

Rödgens Ortsvorsteherin Elke Victor erinnerte sich daran, dass die Gemeinde zunächst ihre Fühler in Richtung Annerod und Alten-Buseck ausstreckte, bevor man sich im Mai 1971 mit Gießen einigte. »Wir wollten Rödgen gut für die Zukunft aufstellen und hatten viele Übereinstimmungen mit Gießen«, erzählte Victor. Doch dann sei schnell die Ernüchterung gekommen. »Das Neubaugebiet, was wir uns 1981 gewünscht haben, wurde bis heute nicht bewilligt«, bedauert die Ortsvorsteherin. Die rund 1900 Einwohner seien heute mit der Situation eines gänzlichen Zusammenbrechens der Infrastruktur konfrontiert. »Post, Gaststätten, Banken, all das ist inzwischen weg. Wir haben nicht mal mehr einen Geldautomaten«, resümierte Victor.

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