Fröhliche Apokalypse

  • Manfred Merz
    vonManfred Merz
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Das Stadttheater ist ein Zufluchtsort. Mal auf Corona pfeifen und 90 Minuten lang die Zeit der goldenen Operette genießen. Nicht bei dieser "Fledermaus".

Nun erobert die Pandemie also auch die Operettenbühne, zumindest rhetorisch. Zur Premiere der "Fledermaus" von Johann Strauß, oder besser: zu dem, was davon übrig blieb, steuert Poetry-Slamer Lars Ruppel sinn- und unsinnstiftendes Wortgut bei. Manches wirkt am Samstag wie angeschwemmt, anderes trifft ins Mark. Da wird "in die Abflughalle gekotzt", es gibt "Blattgold an Blutwurst" und "unsere Greta im SUV".

Corona tanzt beim Dreivierteltakt munter mit, wenn Kammermädchen Adele verkündet, sie sei Pflegefachkraft und schiebe den von ihr zu betreuenden Senior aus dem Hause Eisenstein zum "Rollstuhl-Golfen". Später taucht die Hof-Virologin Drosten auf. Beim Maskenball hat außer Rosalinde niemand eine Maske auf - warum nicht? Weil schon das Publikum mit Maske dasitzt. Auch der Grund für die Pandemie ist zu erfahren: "Da brät einer mal seine Fledermaus nur halb durch..."

Gemeint ist damit nicht der Abend im Stadttheater - oder etwa doch? Intendantin Cathérine Miville, die zum ersten Mal bei einer Operette Regie führt, zeigt das Stück aus dem Jahr 1874 im Hier und Heute, lediglich den Maskenball des Mittelteils verlegt sie unter dem Titel "Vienne Apocalypse joyeuse" (Wien, eine fröhliche Apokalypse) nach 1875. Dort tragen die Männer Frauenkleider. Auf diese Idee muss man 2020 erst mal kommen.

Am Libretto hat Miville kräftig den Rotstift angesetzt, um das eigentlich dreistündige Werk auf die in Viruszeiten genehmen pausenlosen 90 Minuten zusammenzustreichen. Dem ersten Akt ging es dabei ziemlich an den Kragen. Obschon der Inhalt in der Gießener Neuinterpretation keine so prickelnde Rolle spielt, wird Gerichtsdiener Frosch (vom Feinsten: Schauspieler Harald Pfeiffer) in den Stand des Erzählers und Erklärers erhoben. Er zelebriert in allen drei Akten Ruppels Reime - im Original tritt die Sliwowitzfigur lediglich im kurzen Schlussdurchgang auf. Mivilles Frosch trägt Grün, beim Ball, zu dem die Teilnehmer in schwarz-weißen Kostümen aufkreuzen, hat er immerhin noch grüne Schuhe an.

Die Personenführung gelingt der Regisseurin tadellos, sie sorgt für Tempo und auch für Bewegung, die im Detail aufs Konto von Choreograf Anthony Taylor geht. Im Zentrum der ehemals trickreichen Story steht besagter Ball, der ein wenig zu einer immerhin flotten Nummernrevue-Apokalypse verkommt, wenn die Beteiligten einige Takte fledermausfremder Evergreens schmettern. Das Spektrum reicht von "Freunde, das Leben ist lebenswert" über "Theo, wir fahr’n nach Lodz" bis zu "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt".

Dirigent Andreas Kowalewitz hat im Graben alle Hände voll zu tun. Die von ihm erstellte Partitur-Fassung für Salon-Orchester nennt der gewiefte Maestro selbstironisch Taschenbuchformatausgabe - in Seuchenzeiten sitzen statt des üppigen Orchesters lediglich 14 Musiker im Graben. Der Strauß bunter Melodien wird zu einem Sträußchen, die Walzerseligkeit wirkt etwas dünn, doch der kammermusikalische Klang hat seine Reize. Kowalewitz ändert die Abfolge und streicht zusammen, was geht (die Ouvertüre entfällt komplett), präsentiert jedoch mithilfe seiner biegsamen Instrumentalisten die einstigen Hits wie "Trinke, Liebchen, trinke schnell" oder "Ich lade gern mir Gäste ein" mit Bravour.

Das bunte Bühnenbild mit seinen beiden gebogenen Showtreppen geht auf das Konto von Lukas Noll, die stimmigen Kostüme stammen von Katharina Sendfeld. Beim Maskenball wird das derzeitige Gebot des Sich-nicht-Berührens auffällig.

Kecke Adele, exzentrischer Prinz

Die Sänger sind eine Wucht. Ihr Gießen-Debüt gibt Sopranistin Netta Or als stimmgewaltige Rosalinde. Sie brilliert bis in die höchsten Höhen. Tilman Unger (Eisenstein) begeistert mit seinem mächtigen Tenor. Annika Gerhards ist unter der roten Perücke kaum zu erkennen, sie singt die Adele präzise und spielt keck. Countertenor Denis Lakey agiert als exzentrischer Prinz Orlofsky erwartungsgemäß dekadent. Grga Peroš zeigt famos den Dr. Falke, Daniel Arnaldos solide den Alfred, Christian Richter überzeugend den Dr. Blind. Der Hauschor und die Mitglieder der Tanzcompagnie sind aller Ehren wert.

Das Publikum klatscht am Ende eifrig mit zur rhythmischen Musik. Was bleibt von dieser goldenen Operette ist die Erkenntnis, dass Bariton Tomi Wendt auch super pfeifen kann. Und natürlich: Glücklich ist, wer vergisst.

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