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Schülerprotest

"Fridays for Future": Schüler-Demo zieht durch Gießener Innenstadt

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1200 Schüler kamen vor dem Rathaus Gießen zusammen, um im Rahmen von "Fridays for Future" für den Schutz der Umwelt zu demonstrieren. Ihre Schulleiter bewerteten die Demo ganz unterschiedlich.

Auch Christian Lindner bekam sein Fett weg. Der FDP-Chef, der Klimaschutz vor wenigen Tagen als "Sache für Profis" bezeichnet hatte, musste sich am Freitag auf dem Platz vor dem Rathaus einige hämische Kommentare gefallen lassen. Gleich zu Beginn der Kundgebung, an der trotz nasskalter Witterung erneut rund 1200 Jugendliche unter dem Motto "Fridays for Future" teilnahmen, kam mit Dr. Lea Schneider ein "Profi" zu Wort. Die Geografin mit den Schwerpunkten Klimadynamik und Klimawandel beglückwünschte die Schüler zu ihrem Engagement. "Einige von uns waren ein bisschen neidisch, dass ihr es geschafft habt, so viel Aufmerksamkeit zu erzeugen", sagte sie als Mitglied von "Scientists for Future". Schneider beschrieb eine Reihe von Alarmsignalen, "die uns zum Handeln zwingen". Noch nie in den vergangenen 80 000 Jahren habe es einen derart rasanten CO2-Anstieg gegeben. "Der setzt Menschen, Pflanzen und Tiere einem extremen Stress aus." Um eine Klimawende einzuleiten brauche man dringend eine ambitionierte Klimapolitik.

Die forderten auch die knapp ein Dutzend weiteren Redner. "Wir dürfen uns nicht von Wirtschaftsinteressen und Lobbyisten zurückdrängen lassen", rief Julius Debus von der Liebigschule, zumal sich die Bekämpfung des Klimawandels langfristig auch wirtschaftlich rechne. "Wir sind die, die die Fehler der Politiker ausbaden müssen", betonte Junis Poos. Der GGO-Schulsprecher setzte nach: "Alles muss sich ändern – jetzt!"

"Fridays for Future" in Gießen: "Fischers Fritze fischt bald Plastikfische"

Auch Dietlind Grabe-Bolz ging wieder ans Mikrofon. "Ihr seid nicht hier, weil ihr Bock auf Schule schwänzen habt, sondern weil ihr Bock auf Zukunft habt", sagte die Oberbürgermeisterin und fügte hinzu: "Ich finde es gut, dass ihr meiner Generation Dampf macht." Das fanden auch die jüngsten Demo-Teilnehmerinnen. "Wir dürfen das Thema Umwelt nicht der Politik überlassen", sagten Grete, Juli, Leontijn und Sharlina von der 6c der Ostschule und deuteten auf ein Plakat mit der Aufschrift "Fischers Fritze fischt bald Plastikfische". Das Quartett hätten auch mitgemacht, wenn ihre Teilnahme als "unentschuldigt" bewertet worden wäre.

Stadtschulsprecher Stergios Svolos ging ebenfalls auf die unterschiedliche Sichtweise an den Schulen ein. "Ich finde es schade, dass die Teilnahme an der Demo so unterschiedlich gehandhabt wird." Zugleich bekräftigte der LLG-Schüler, dass auch ein Zeugniseintrag den Großteil der Schüler nicht vom Demonstrieren abhalten könne. "Die paar Fehlstunden tun uns nicht weh. Was wirklich weh täte, wäre eine Erde, die keine Zukunft hat."

"Fridays for Future" in Gießen: Schulleiter bewerten Demo unterschiedlich

Eine kleine GAZ-Umfrage hat ergeben, dass die Schulleitungen die Teilnahme an der Demo unterschiedlich bewerten und gegebenenfalls ahnden. Dr. Frank Reuber als Direktor der Gesamtschule Gießen-Ost bekräftigte am Freitag seine zu Beginn der Woche geäußerte Auffassung, wonach es sich bei "Fridays for Future" um einen begründeten Ausnahmefall handelt. Die Entscheidung, Demo-Teilnehmer auf Antrag der Eltern zu beurlauben, sehe er im Einklang mit der aktuellen Stellungnahme aus dem Staatlichen Schulamt. Reuber verwies darauf, dass die GGO seit 20 Jahren als Umweltschule firmiert. "Daraus ergibt sich der Auftrag, für unsere Zukunft zu lernen und zu handeln". Anders wird das Schreiben aus dem Schulamt an Landgraf-Ludwigs-Gymnasium und Liebigschule interpretiert. "Ich kann nicht auswählen, für welche Demo ich Entschuldigungen zulasse und für welche nicht", begründete LLG-Direktorin Antje Mühlhans ihre Haltung. Schüler, die demonstrierten, müssten auch bereits sein, die Konsequenzen zu tragen." Auch Dirk Hölscher sieht eine "klare Anweisung" des Amtes, Demo-Teilnehmer mit einer "unentschuldigten Fehlstunde" zu belegen. "Die Schüler wissen Bescheid und sind ganz unverkrampft dabei", erklärte der Lio-Schulleiter.

Kommentar

Eiertänze

Wird die Teilnahme an einer Demo für den Klimaschutz nun als "begründeter Ausnahmefall" oder als "unentschuldigtes Fehlen" bewertet? An den Schulen in Stadt und Kreis gibt es zu dieser Frage keine klare Linie. Während etwa die Gießener Ostschule oder die Clemens-Brentano-Europaschule in Lollar ihre Schüler auf Antrag der Eltern beurlauben, wird das Engagement fürs Klima während des Unterrichts an anderen Schulen als unentschuldigte Abwesenheit geahndet. Und manche Schulen entscheiden sich für den Wischiwaschi-Kurs: Während der Direktor das Fernbleiben von der fünften und sechsten Stunde als unentschuldigtes Fehlen bewertet, hat der Fachlehrer den Zehntklässlern längst signalisiert, dass sie mit einer schriftlichen Entschuldigung der Eltern den lästigen Eintrag im Zeugnis vermeiden. Nur gut, dass die über 1000 Demo-Teilnehmer sich von solchen Eiertänzen nicht haben einschüchtern lassen und ihr (Klima)-Ziel fest im Auge behalten. "Die Fehlstunden tun uns nicht weh. Wir machen trotzdem mit", sagen die jungen Klimaschützer – von der Sechstklässlerin bis zum Stadtschulsprecher. Ein derart klarer Standpunkt würde auch den Entscheidungsträgern an den Schulen gut zu Gesicht stehen.

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