"Fridays for future"

"Fridays for future": So schätzt eine Wissenschaftlerin aus Gießen die Klimaschutz-Demos ein

  • schließen

Weltweit - und auch in Gießen - demonstrieren Jugendliche seit Monaten für mehr Klimaschutz. Drei Fragen zum Thema an die Politikwissenschaftlerin Simone Abendschön.

1. Worauf führen Sie die Tatsache zurück, dass junge Menschen, denen in der Vergangenheit eher ein Desinteresse an Politik nachgesagt wurde, sich seit Monaten weltweit und in großer Zahl für eine bessere Klimapolitik einsetzen?

Zunächst einmal: Zwar wird Jugendlichen seit Jahren immer wieder politisches Desinteresse vorgeworfen, allerdings sieht es empirisch anders aus. So stellt beispielsweise die Shell Jugendstudie seit einigen Jahren wieder ein wachsendes politisches Interesse fest. Aber davon abgesehen denke ich, dass es vor allem zwei Gründe für das momentane Engagement gibt: Erstens handelt es sich beim Thema Klimawandel um ein globales gesellschaftspolitisches Thema, welches insbesondere die junge Generation direkt und über geografische und soziale Gruppen hinweg betrifft. Zweitens haben wir in den letzten Jahren mit politischen Ereignissen wie der Wahl Trumps zum US-Präsidenten und dem Brexit gesehen, dass eine Art "Konsens" über wichtige die Jugend betreffende Themen wie Klimapolitik und Europäische Integration offensichtlich nicht mehr besteht, was auch ein Mobilisierungspotenzial mit sich bringt. Hier gibt es sicherlich noch länderspezifische Besonderheiten zu beachten, etwa die Klimapolitik in Europa, den Kohleausstieg oder in den USA die Proteste von Jugendlichen für eine bessere Waffengesetzgebung.

2. Glauben Sie, dass die Forderungen der Jugendlichen von der Politik ernst genommen werden oder gehen Sie davon aus, dass es bei Schulterklopfen und Anerkennung ohne weitere praktische Folgen bleiben wird?

Institutionelle und nicht-institutionelle politische Akteure beobachten diese Bewegungen meines Erachtens genau, auch wenn es sicherlich nicht von heute auf morgen politische Maßnahmen im Sinne der heutigen Demonstranten geben wird. Im politischen Prozess geht es immer um ein Aufeinandertreffen verschiedener Interessen, die verhandelt werden müssen. Mit ihren Protesten und der damit einhergehenden Medienberichterstattung haben Jugendliche jetzt ein lautes Signal für ihre Interessen gesendet. Aber das Thema Klimapolitik ist in der politischen Agenda in Deutschland ja durchaus ein gesellschaftlich und politisch präsentes "Dauerthema", was auch im Parteienwettbewerb unterschiedlich diskutiert wird. Hier werden sich die entsprechenden Akteure in ihren Meinungen bestärkt sehen oder gegebenenfalls eigene Positionen reflektieren. Unglückliche Schnellschüsse mit Äußerungen wie die von Herrn Lindner, dass das den Profis überlassen werden sollte, werden aber die Ausnahme sein, ich denke, dass die Proteste schon ernst genommen werden.

3. Viele loben die jungen Leute für ihr Engagement, sehen aber im "Schule schwänzen" ein Problem und fordern, dass sie sich außerhalb der Schulzeit für den Klimaschutz einsetzen sollen. Wie stehen Sie dazu?

Sicher ist ein dauerhaftes regelmäßiges Fernbleiben von der Schule für den Unterrichtsablauf problematisch, allerdings unterstützen viele Lehrkräfte ja die Proteste und stellen Schülerinnen und Schüler frei. Letztlich handelt es sich aber auch um praktizierte politische Bildung – Arbeitnehmer streiken ja auch nicht in ihrer Freizeit. Auf Dauer sollte man aber über eine schul- und unterrichtsfreundliche Regelung nachdenken.

Infokasten

Zur Peson

Simone Abendschön ist seit 2015 Professorin für Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Methoden der Politikwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Ihre Promotion schloss sie 2010 an der Uni Mannheim mit einer Arbeit über demokratische Wertorientierungen im Kindesalter ab, von 2009 bis 2015 war sie als wissenschaftliche Assistentin an der Goethe-Universität Frankfurt/Main tätig. Neben dem Fokus auf sozialwissenschaftliche Methoden beinhalten ihre Forschungsinteressen die Themen politische Sozialisation und Bildung, empirische Partizipations- und Demokratieforschung. (Foto: pm)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare