Neue Serie

Freundinnen fürs Leben

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
    schließen

Viele Menschen sind sich eine Zeitlang nah, dann verlieren sie sich aus den Augen. Aber es gibt auch Freunde fürs Leben. Wie Lissy Becker und Margot Mazurek aus Gießen-Wieseck.

Für einen Moment sieht man die beiden vor sich. Wiesecker Backfische, die unterwegs sind zu einem Tanzabend, die heimlich ihre erste Zigarette rauchen, die sich schick machen für die Kirmes. Noch heute, über 50 Jahre später, können sie sich so ausschütten vor Lachen wie früher. "Weißt du noch…?", ein Stichwort der einen genügt, und schon kann die andere die Geschichte erzählen.

Wer Lissy Becker und Margot Mazurek zuhört, lernt nicht nur viel über ihre besondere Freundschaft, sondern bekommt auch einen Eindruck von dieser Frauengeneration. Für beide stand nach der Heirat die Familie im Vordergrund, beide wagten trotz langer Familienpause den Schritt in die Erwerbstätigkeit, und beide kennen sich aus in der Pflege von alten Angehörigen. Die Frauen fühlen sich gut aufgehoben in einem großen Freundeskreis und verwurzelt in Wieseck, ihre Männer und Kinder sind ebenfalls miteinander befreundet. Aber das, was sie beide verbindet, ist mehr, es hat eine besondere Tiefe. "Es ist ein wertvolles Geschenk", sagen sie.

Dabei konnten sie als kleine Mädchen zunächst gar nicht so viel miteinander anfangen, berichtet Lissy und lacht. Sie war die resolute, die mit zwei älteren Brüdern aufwuchs und sich schon früh behaupten musste. Aufgrund einer Hüftfehlstellung wurde sie mehrfach operiert, sie hatte viel auszuhalten und durchzustehen. Doch sobald es ging, flitzte sie mit ihrem kleinen Laufrad durch die Wassergass - die Karl-Benner-Straße. "Ich war eine robuste kleine Kämpferin." Margot dagegen war zunächst sehr zurückhaltend, sie stammt aus Lanzingen im Main-Kinzig-Kreis und hat dort die ersten Lebensjahre verbracht. Als die Familie nach Wieseck zog, litt sie lange unter Heimweh.

Erst als die Nachbarmädchen zwölf oder dreizehn Jahre alt waren, lernten sie sich richtig kennen; seitdem sind sie beste Freundinnen. Wenn Lissy als Teenie allein zu Hause war und sich vor einem Gewitter fürchtete, ging sie zu Margot. Da war sie in Sicherheit. "Ich wusste schon vorher, dass sie gleich klingelt", erinnert sich Margot. Umgekehrt war es genauso: Wenn Margot Kummer hatte oder nicht alleine sein wollte, stand Lissys Tür immer offen.

Was macht sie aus, diese Beziehung? Die Frauen überlegen. Während sie sonst übersprudeln in ihren Erzählungen, nehmen sie sich vor der Antwort Zeit. "Es ist die Beständigkeit und die Offenheit", sagt Lissy. "Ich weiß, dass ich mich immer auf Margot verlassen kann, in jeder Situation." Margot nickt. "Und wir sind ehrlich zueinander, das gibt einem ein Gefühl der unbedingten Sicherheit."

Da ist sie wieder, die Sicherheit. Keine muss darüber nachdenken, ob und wie sehr sie der anderen vertraut. Es gibt eine Art Ur-Vertrauen zwischen ihnen. Es ist die Basis für alles andere. Dass das Füreinander-da-sein nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis funktioniert, haben die Frauen in all den Jahrzehnten schon oft erfahren. Eine schlimme Zeit war für sie, als ihre Freundin Renate vor einigen Jahren schwer erkrankte und starb. Sie leiden zu sehen und schließlich Abschied nehmen zu müssen, war für die Freundinnen extrem schmerzlich. "Wir drei waren immer ein Kleeblatt", sagen sie traurig. Auch die Betreuung und der Tod der Eltern waren harte Prüfungen, in denen gegenseitiger Beistand gut tat. Jede weiß, dass die andere da ist, das müssen sie einander nicht dauernd versichern. Sie hängen auch nicht ständig zusammen oder telefonieren täglich.

Die Wieseckerinnen haben aber nicht nur den Kummer, sondern auch alle Freuden und großen Ereignisse miteinander geteilt. In Margots Heimatstadt Lanzingen hat Lissy ihren Mann Jürgen kennengelernt, den Auserwählten kannte Margot schon von Kindesbeinen an. Und Margot entschied sich mit ihrem Walter ebenfalls für einen Lebenspartner, der auch mit Lissy gut konnte. Die zwei - natürlich längst erwachsenen - Kinder der Beckers haben sich mit den dreien der Mazureks immer gut verstanden. Um wertschätzenden Umgang miteinander werden nicht viele Worte gemacht, aber die eine Generation hat ihn der anderen "mitgegeben". Neid oder Missgunst, weil die eine "mehr hatte" oder die andere vermeintlich "mehr konnte", hat es nie gegeben. "Nein, auf keinen Fall, das ist uns beiden fremd", sagt Margot.

Lissy und Margot sind fast 70 Jahre alt. Wie sehen sie sich im Alter, und was wünschen sie sich? Es soll noch lange so bleiben, wie es jetzt ist, hoffen sie übereinstimmend. Später wird sicher alles ein bisschen ruhiger und langsamer sein, das eine oder andere Zipperlein wird kommen. "Aber solange ich laufen kann, werden wir uns sehen", sagt Margot. "Auf jeden Fall. Wir lassen uns etwas einfallen. So wie immer", sagt Lissy.

Freunde gesucht

Sportkumpel, Parteifreund/in, Sandkastenfreund/in, beste Freunde/innen, väterlicher bzw. mütterliche Freund/in, Fünfzigerfreund/in, Vereinskamerad/in, Seelenverwandte - es gibt viele Arten von Freundschaft. Haben Sie auch einen besonderen Freund oder eine besondere Freundin? Erzählen Sie uns Ihre Geschichte. Wir freuen uns über Vorschläge: stadtredaktion@giessener-allgemeine.de. Betreff: Freundschaft

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare