Wort zum Sonntag

Freude auf Abstand

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Der Sonntag an diesem Wochenende ist in der kirchlichen Tradition ein fröhlicher Sonntag. Er trägt den Namen "Jubilate". In normalen Zeiten werden da in evangelischen Kirchen gern Konfirmationen gefeiert. Auch das schöne Wetter im Frühling lädt dazu ein. Am Sonntag "Jubilate" geht es um die Freude an Gottes Schöpfung. In diesem Jahr sind die meisten Kirchen noch zu. Aber wie sieht es mit der Freude aus?

Vielen von uns ist nicht nach Freude zumute. Ich mache mir Sorgen um meine Gesundheit und die meiner Familie. Einige von ihnen gehören zur Risikogruppe. Viele Menschen bangen um die Zukunft ihres Betriebs oder Geschäfts. Andere befinden sich in Kurzarbeit. Die meisten Schülerinnen und Schüler waren auch in dieser Woche nicht in der Schule. Wie geht es für sie und uns alle weiter? Ob wir im Sommer in den Urlaub fahren können? Die Grundstimmung in diesem Jahr ist nicht die Freude, sondern die Sorge. Auch der Frühling und das schöne Wetter können daran kaum etwas ändern.

Freude ist das eigentümlichste aller unserer Gefühle, das innerlichste, das vollkommenste - und das flüchtigste. Auch ohne das Coronavirus kenne ich die Ungewissheit angesichts der Zukunft, Sorge um mein Leben und Ängstlichkeit vor anderen Menschen. Auch in normalen Zeiten ist mir das Gefühl nicht fremd, eingeengt und abhängig zu sein.

Bei der Freude ist es ganz anders. Freude ist der Ausdruck von Unabhängigkeit. Wer sich freut, braucht nichts mehr. Wer Freude empfindet, kennt keine Einschränkung. Wer von der Freude ergriffen ist, ist frei von allem anderen. Er oder sie ist ganz bei sich und offen für die Welt.

Natürlich können wir unsere Freude jetzt nicht so frei leben, wie wir das sonst im Frühling machen würden: keine Treffen im Park mit Freundinnen und Freunden, keine Grillparty mit den Nachbarn, keine Familienfeste und keine Geburtstagsfeiern im größeren Rahmen. Das alles ist abgesagt und muss es auch bleiben, um Leben zu schützen und zu erhalten.

Aber die Freude ist nicht abgesagt. Freude lässt sich nicht absagen. Freude ist da, vielleicht anders als sonst: stiller, zerbrechlicher, an Orten, wo wir sie nicht vermuten. Freude auf Abstand. In der Bibel.

Dr. Gabriel Brand Ev. Andreasgemeinde und Gesamtkirchengemeinde Gießen Nord

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