Freispruch statt vier Jahren Haft

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Gießen(ta). Ein Betrugsversuch bei einem Marihuana-Verkauf vor gut einem Jahr in der Sudetenlandstraße hatte am Dienstag ein langes Nachspiel im Amtsgericht. Dabei konnte der Anklagevorwurf des Raubs, der auf der Strafanzeige des Dealers beruhte, nicht aufrechterhalten werden. Statt Haftstrafen ohne Bewährung gab es für die beiden Angeklagten eine Geldstrafe und einen Freispruch.

Der Hauptangeklagte hatte sich seiner Darstellung zufolge mit dem Bekannten zu einem neuerlichen Marihuana-Ankauf verabredet. Für 50 Euro erwartete er fünf Gramm. Als der Käufer die Lieferung überprüfte, musste er feststellen, dass sie überwiegend Stanniolpapier enthielt und nur etwa ein Gramm Rauschgift. Der Großen-Lindener verlangte deshalb lauthals sein Geld zurück. Als der Verkäufer davoneilen wollte, hielt der Betrogene ihn fest und riss an dem Umhängebeutel, in dem sein Geldschein lag. Bei diesem Gerangel half ihm sein jüngerer Bruder, der aus der Nähe zur Hilfe geeilt war und den Händler von hinten festhielt. Schließlich riss der Träger des Beutels ab. Der Kunde griff sich die 50 Euro heraus und zusätzlich Kügelchen mit drei Gramm Marihuana. "Ich wollte ihm eine Lektion erteilen, aber in Ordnung war das nicht", räumte er nun ein.

Zum Prozess geführt hatte indes eine ganz andere Version des Geschehens, die der andere Lindener damals angezeigt hatte. Bei dem vereinbarten Treffen habe der Bekannte ihn gebeten, ihm 60 Euro zu leihen. Als er dies abgelehnt habe, habe der Mann ihn mithilfe seines Bruder festgehalten. Aus der abgerissenen Stofftasche habe sich der Täter 80 Euro genommen.

Diesen angeblichen Raub hatte das Opfer freilich erst zwei Tage später anzeigt. Da hatten sich die beiden Kontrahenten zufällig in Großen-Linden getroffen. Dabei stellte der Betrogene sein Gegenüber zur Rede, wobei der erst mit einem Schraubendreher und dann mit einem Kneibchen in seine Richtung stach. Ein vorbeikommender Lkw-Fahrer trennte die Kontrahenten und alarmierte die Polizei.

Das Jugendschöffengericht unter Vorsitz von Richterin Birgit Ruppert glaubte der Darstellung der beiden einschlägig vorbestraften Angeklagten. Das lag vor allem an dem Belastungszeugen und dessen Freundin, die ziemlich herumeierten und sich ständig auf Erinnerungslücken beriefen. So gab es keine handfesten Auskünfte dazu, warum man sich überhaupt verabredet hatte und warum er den angeblichen Raub nicht sogleich anzeigt hatte. Staatsanwältin Dagmar Lachmann sah die Geldrücknahme zwar als Nothilfe an, bewertete den Griff nach dem Rauschgift aber als Nötigung und gefährliche Körperverletzung; sie beantragte ein Jahr und vier Monate für den Haupttäter sowie drei Jahre und neun Monate Jugendstrafe für den Bruder (21). Der hatte einen Kopfstoß bestritten; womöglich hätten sich aber die Köpfe bei dem Gerangel berührt.

Der Verteidiger des angehenden Hip-Hop-Stars verlangte erfolgreich Freispruch, weil bei der Marihuana-Wegnahme keine Gewalt mehr angewendet worden sei. Der Haupttäter wurde zu einer Geldstrafe von 70 Tagessätzen wegen Diebstahls verurteilt.

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