Freiheiten mühsam erkämpft Auftakt zum Jubiläumsjahr

  • Karen Werner
    VonKaren Werner
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Wählen dürfen Frauen in Deutschland seit 100 Jahren. Gleichstellung war für die heutigen Seniorinnen dennoch nicht selbstverständlich. Zwölf Gießenerinnen geben ihre Erfahrungen in einer Ausstellung weiter. Sie wollen Jüngeren Mut machen.

Eine 71-Jährige sagt gut 20 Jahre nach einem schweren Autounfall, seit dem sie im Rollstuhl sitzt: »Ich habe mich noch nie so stark gefühlt wie heute.« Ein »braves katholisches Arbeitermädchen« wurde Lehrerin, Elternvertreterin, Stadtverordnete. Eine Frau hat mit 58 eine Ausbildung begonnen, eine andere mit 70 ihre späte Liebe geheiratet. Schicksalsschläge wie Flucht, Scheidung, den Tod des Partners oder eines Kindes haben sie überwunden mithilfe von Sport, Kunst, ehrenamtlichem Engagement. Beeindruckende Erfahrungsberichte versammelt die Ausstellung »Gießener Frauengeschichten«, die jetzt im Rathaus und im Internet (gilas-geschichten.de) zu sehen ist.

Ausgangspunkt war das Jubiläum 100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland, erzählen die Fotografinnen Katrin Dammann und Mary Purdak. Zeitzeuginnen, die vom Jahr 1918 berichten könnten, sind naturgemäß nicht mehr aufzutreiben. Doch auch in den Jahrzehnten danach mussten sich Frauen viele Freiheiten erst erkämpfen. Die beiden Heuchelheimerinnen kamen auf die Idee, Seniorinnen zu befragen. Sie starteten einen Aufruf; es meldeten sich ganz unterschiedliche Frauen aus Gießen und Umgebung im Alter zwischen 70 und Anfang 90.

Jede der Gesprächspartnerinnen »ist mutig, hat Krisen bewältigt, neuen Lebensmut gefunden«, sagt Katrin Dammann. Mary Purdak ergänzt: Die älteren Frauen kennenzulernen »hat meinen Blick verändert«

Die Stadt-Frauenbeauftragte Friederike Stibane unterstützte das Projekt mit Begeisterung: »Die Frauen, die heute 60 oder älter sind, haben viel zu erzählen – gerade auch die, die normalerweise nicht auf der großen Bühne stehen.« Sie wollen Mutmach-Botschaften an jüngere Frauen weitergeben wie »Hab keine Angst vor Neuanfängen« oder »Augen auf für das kleine Glück im Alltag«. Immer wieder genannte Tipps: Eine Ausbildung machen, um unabhängig sein zu können, die Männer früh mit in die Pflicht nehmen bei Haushalt und Kinderversorgung.

Für sie als Mädchen war Bildung alles andere als selbstverständlich. Schließlich haben einige noch den Krieg erlebt, die Älteste sogar dienstverpflichtet an Flakscheinwerfern. »Es war nicht immer einfach, wenn rundum die Bomben fielen oder die feindlichen Tiefflieger schossen.« Etliche waren als Vertriebene geprägt von der Erfahrung, »ohne jeden Besitz ein ›Niemand‹ in der Fremde zu sein«. Viele mussten mühsam lernen, ihre »eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen«. Dennoch meinen manche, junge Frauen hätten es heute in einigen Punkten schwerer als sie selbst, etwa wegen der allgegenwärtigen Schönheitsideale oder im Hochschulbetrieb

Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz appellierte bei der Ausstellungseröffnung dafür, »gemeinsam für Demokratie und Chancengleichheit für alle einzustehen«. Dafür gebe es in Gießen viele Möglichkeiten.

Weitere Geschichten gesucht

Weitere Gießenerinnen ab 60 Jahre können dazukommen: Mit Beiträgen auf der Internetseite www.gilas-geschichten.de (»Gilas« steht für »Gießener Ladys«), die ein »Online-Magazin« werden soll, oder bei Treffen an jedem ersten Mittwoch im Monat ab 18 Uhr im Siebenkorn-Café Brotzeit am Ludwigsplatz.

Die Ausstellung »Gießener Frauengeschichten« ist bis zum 31. Mai im Atrium des Rathauses zu sehen, und zwar montags bis donnerstags von 8.30 bis 18 Uhr, freitags bis 12.30 Uhr. Der Eintritt ist frei. Sie bildet den ersten Höhepunkt von etwa 20 Veranstaltungen rund um das Jubiläum 100 Jahre Frauenwahlrecht. Die nächsten beiden Termine: Ein Stadtrundgang mit Dagmar Klein (mehr unten auf dieser Seite) am Sonntag. Am Montag (7. Mai) ab 19.30 Uhr folgt ein Vortrag der Soziologin Prof. Uta Meier-Gräwe »100 Jahre Frauenwahlrecht – Doch von Gleichstellung noch weit entfernt« im Hermann-Levi-Saal im Rathaus.

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