Auch Jan Schmidts "Schwerkraft" ist im Kunstkiosk zu sehen - aber nur von außerhalb. FOTO: DKL
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Auch Jan Schmidts "Schwerkraft" ist im Kunstkiosk zu sehen - aber nur von außerhalb. FOTO: DKL

Freiheit in der Beschränkung

  • vonDagmar Klein
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Der Neue Kunstverein zeigt "Grande San Paolo" von Jan Schmidt. Die Präsentation ist corona- gemäß nur vom Fenster aus in der Außenbetrachtung zu entdecken.

Als er den kleinen Raum des Kunstvereins zum ersten Mal betrat, war die Assoziation klar. Jan Schmidt fühlte sich an eine Schiffs-Kommandobrücke erinnert: Die breite Fensterfront, der leicht erhöhte Stand und "draußen der tosende Verkehr".

Damit war klar, dass er im einstigen Kiosk-Gebäude an der Licher Gabel die Kunst zeigen wollte, die während seiner Seereise Anfang des Jahres entstanden ist. Dank eines Reisestipendiums der Hessischen Kulturstiftung war er unterwegs gen Südamerika, auf einem Frachtschiff mit Ziel Montevideo. Der Corona-Lockdown beendete die Reise nach gut drei Wochen, er musste zurückfliegen. Der Name des Schiffs gab der Ausstellung den Titel: "Grande San Paolo".

Zwei fast meditative Arbeiten sind zu sehen, die auf dem Schiff entstanden sind. Eine Zeichnungsserie, bei der er jeweils morgens und abends an der Brüstung stehend seine Hand mit dem Zeichenstift laufen ließ. Der Schiffsstempel kennzeichnet das Blatt quasi mit dem Entstehungsort "Grimaldi Line". Diese Zeichnungen sind allerdings so zart, dass sie vom Fenster aus nicht wirklich zu erkennen sind - wohl aber auf der Homepage des Kunstvereins.

Die Bewegung des Schiffs hat der Künstler auch visuell eingefangen, indem er Glasmurmeln über die Flachseiten von Konservendosen hin- und herrollen ließ und dies filmte. Den sechsminütigen Film "Biscaya" kann man nur von außen anschauen. "Das Video zeigt nur die Schwerkraft, die Bewegung der Kugeln entstand aus dem Auf und Ab des Schiffs bei hohem Wellengang", erklärt er. Welch ein gewaltiger Input für das zart und leicht wirkende Ergebnis. Ein Info-Text am Eingangsfenster weist auch einen QR-Code auf, über den man die immerwährenden, rhythmischen Schiffsgeräusche hören kann. Diese hat Schmidt außerdem in eine ausgesprochen originelle Kunstvereins-Edition verwandelt. Die Geräusche ließ er auf (blaue) Vinyl-Platten pressen, die er beim Drehen auf dem Plattenteller mit zartem Pinsel bemalte. Jede Single ist ein optisch ansprechendes Unikat.

Jan Schmidt (Jahrgang 1973) hat Bildhauerei studiert, bei Ansgar Nierhoff an der Kunsthochschule Mainz und bei Ayse Erkmen an der Frankfurter Städelschule. Er begann früh damit, konzeptuell zu arbeiten, also eher zurückhaltende Interventionen zu kreieren. Dafür sind Beispiele auf seiner Homepage www.schmidt01.de zu sehen. Er geht mit Präzision und Feinarbeit vor, nutzt häufig Maschinen (wie Akkuschrauber) zum Malen und beobachtet die Entstehung ganz genau. Fast wie bei einem naturwissenschaftlichen Versuchsaufbau, das mag von seinem vorherigen Studium der Biologie und Chemie beeinflusst sein.

Er lebt mit Familie in Frankfurt, hat nur einen Wohnraum als Atelier. Das reicht ihm. Er kann in der Beschränkung Freiheit finden. Was auch sein Anliegen war auf dem Frachtschiff in unwirtlicher Umgebung. "Das konnte ich auch nicht verlassen. Der Aufenthalt ist geprägt von der engen Kabine drinnen und der unendlichen Weite draußen. Damit muss man klarkommen."

Kunst-Wettbewerb der THM gewonnen

Andreas Walther vom Kunstvereinsvorstand fühlt sich geradezu inspiriert von Schmidts Arbeiten. "Das kommt mir japanisch vor", schmunzelt er. Damit meint er, dass Schmidts Kunst dem Zen-Gedanken nahekomme, der auch ihn selbst beeinflusst. Die Erweiterung des Raumes durch die Kunst.

Die aktuelle Neuigkeit verkündeten beide strahlend: Jan Schmidt hat den Kunst-am-Bau-Wettbewerb für das neue Gebäude der THM an der Moltkestraße gewonnen. Er wird also wieder nach Gießen kommen.

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