Fast im Winterschlaf: Auf dem Ring ist nicht viel los in diesen Tagen. FOTO: SCHEPP
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Fast im Winterschlaf: Auf dem Ring ist nicht viel los in diesen Tagen. FOTO: SCHEPP

Freie Fahrt und eine Rückschau mit BAP

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Schneeeflocken landen auf der Windschutzscheibe. Für einen Moment ist die A 480 Richtung Nordkreuz weiß, doch schon bald legt der Wind den Asphalt wieder frei. Schade. Dem geplagten Wintergemüt hätte die weiße Decke gut getan, denn sie verbirgt gnädig die Januar-Tristesse da draußen. Baustelle! Die Warnlichter eines Streckenfahrzeugs blinken. Wer auf die A 485 Richtung Wieseck abbiegt, hat damit nichts zu tun. Freie Fahrt. Es ist nichts los. Kaum Pkw, wenige Lkw. Was mag der Transporter aus Polen da vorne geladen haben? Wer kein polnisch kann, erfährt es nicht. Das ist bei dem folgenden Laster anders. Riesige Bilder von buntem Obst und Gemüse zieren das Heck. "Wir lieben Lebensmittel!"

Früher waren Städte von wehrhaften Mauern umgeben, in mittelalterlichen Orten kann man sie immer noch besteigen und sich von oben das damalige Leben innerhalb der engen Gassen vorstellen. Unsere Stadt hat schon lange keine Mauern mehr, aber sie hat den Gießener Ring. 1979 wurde die 23,6 Kilometer lange Strecke eingeweiht. Für Zugezogene ist dieses Straßengewirr erst einmal irritierend, doch wenn "die Neuen" das Prinzip erst einmal durchschaut haben, finden sie es praktisch. "Verdammt lang her", singt Wolfgang Niedecken auf HR1, vermutlich bezieht er sich auf die Proteste, die es damals gab, als Wieseckaue, Hangelstein und Bergwerkswald zerschnitten wurden.

Der Blick schweift nach links zum früheren US-Depot. Gelb-braune struppige Wiesen, kahle Bäume, ein Reiher, der stoisch in der Kälte steht. Der Blick schweift nach rechts und endet an der Betonmauer. Ob die Wiesecker, die hinter dem Schutzwall wohnen, viel vom Verkehrslärm abbekommen?

Von hinten rauscht ein schwerer SUV heran. 120 km/h sind hier erlaubt, er fährt geschätzt 150 km/h. Das motiviert offenbar auch andere. Der Fahrer eines dunkelblauen Audi zeigt, was er drauf hat. "Wie stelle ich es an, im Videomeeting interessiert und locker zu wirken?", fragt die Radiomoderatorin einen österreichischen Coach. Der rät zu deutlicher Gesichtsmimik und Blickkontakt zur Kamera.

Den wünscht man den Herren in ihren schnellen Wagen auch von Herzen, doch es ist kein Blitzer zu sehen. Abfahrt Ursulum. Von hier geht es entschleunigt mit Tempo 50, dann 30 in die Innenstadt. "Lächeln Sie auch mal", rät der Coach. Ok. Ein Supertipp. Er wirkt sofort. Die Schneeflocken grinsen zurück. (cg)

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