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Dorothea von Ritter-Röhr kritisiert die unnötige Preisgabe der Demokratie in der Pandemie. FOTO: SCHEPP

"Frauen tragen die Hauptlast der Krise"

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Statt bevormundendem "Artenschutz" für Alte brauchen wir eine solidarische Gesellschaft, sagt die Medizinsoziologin Dr. Dorothea von Ritter-Röhr. Sie kritisiert die Abkehr von demokratischen Strukturen und vermisst die weibliche Sicht auf die Krise. Sie sagt: Frauen sind verstummt, dabei tragen sie die Hauptlast.

Dorothea von Ritter-Röhr hat kürzlich auf einer Demonstration ein Plakat hochgehalten, auf dem stand "Omas wegsperren - nicht mit uns". Kanzleramtsminister Helge Braun sagt sinngemäß, solange es keinen Impfstoff gegen Corona gebe, müssten Alte und Vorerkrankte geschützt werden.

Frau Dr. von Ritter-Röhr, offenbar gibt es sehr unterschiedliche Sichtweisen. Sie betrachten den angekündigten Schutz als Beschneidung der Rechte älterer Menschen. Warum?

Wir haben die Demokratie inzwischen verlassen und befinden uns in der "Coronakratie". Andere Themen sind auch eigentlich nicht mehr zulässig. Die Tatsache einer Risikogruppe, wie z. B. die alten Menschen mit Vorerkrankung, zwingt die sich nicht in einer Risikogruppe Befindlichen zu Verantwortungsübernahme. Bei dem politischen Hintergrund von Herrn Braun hat diese schützende Hand für mich etwas Gönnerhaftes, Moralisches, das sich nicht selbstverständlich durch den Generationenvertrag regelt.

Für Sie klingt es nach Bevormundung?

Ja, natürlich. Wir sind durchaus in der Lage, uns an die Corona-Regeln zu halten, um zur allgemeinen Gesundheit beizutragen. Den Älteren wird ein fehlendes Gesundheitsbewusstsein unterstellt, wenn ihre Freiheiten beschränkt werden. Bei den genannten Spezialschutzmaßnahmen taucht die Frage auf: Wie lange sollen sie denn gelten? Sollen wir ein oder zwei oder drei Jahre in Quarantäne gesteckt werden? Das Aushebeln der Grundrechte hat immer etwas Bedrohliches! Die älteren Menschen waren ja tatsächlich aus dem Stadtbild fast völlig verschwunden.

Sie befürchten, dass Einschränkungen dauerhaft bestehen bleiben?

Ja, denn welche Regierung gibt einmal beschlossene und durchgesetzte Überwachungsbefugnisse anschließend wieder auf? Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser! Hier bei uns heißt das momentan, Kontrolle ist demokratieerhaltend.

In Ihren Augen ist es naiv, wenn man Brauns Äußerung als pragmatische Lösung in einer besonderen Krise betrachtet. Was ist so schlimm daran, wenn unsere Freiheit zeitweise eingeschränkt wird?

Allein bei so einer Frage sträuben sich mir innerlich die Haare. Die Freiheit und die Würde sind unsere höchsten Güter. Die sind nicht eben mal einschränkbar! Was heißt "zeitweise" und wer hat das Recht über diese Zeit? Wer bestimmt, wie lange die Freiheit eingeschränkt wird? Wir haben hier nicht Tschernobyl, sondern ein aggressiv grassierendes Virus.

In der Diskussion geht verloren, dass die Generationen eigentlich voneinander profitieren.

Dieser ständige Hinweis auf den "Artenschutz" der Alten kann schnell in Kontrolle und Diskriminierung umschlagen. Vielleicht sind es gerade die Alten, die durch ihre Lebenserfahrung Wesentliches zur Bewältigung dieser jetzigen Situation hätten beitragen können, wenn sich irgendjemand für ihr Wissen interessiert hätte. Alte weiße Männer, die sich als Experten verstehen, ausgenommen. Die ältere Generation hat im Leben ja auch schon mehr Krisen durchlaufen. Mich stimmt auch die Gesundheitsüberwachung skeptisch, die allein die körperliche Unversehrtheit zum höchsten Gut erhebt. Noch mal: Es geht doch auch um die Würde des Menschen.

Verkürzt wird es oft so dargestellt: Wegen der Alten müssen Jüngere ihr Leben umstellen, die Lebensqualität leidet, es gibt finanzielle Schwierigkeiten bis hin zur Insolvenz.

Hier wird der Generationenkonflikt für etwas benutzt. Unterstellt wird, dass wegen der Alten die Wirtschaft kollabiert und ohne die alten Menschen das öffentliche Leben munter weiter pulsieren würde. Die Alten haben aber mit den Beschränkungen am wenigsten zu tun, im Gegenteil. In vielen Familien kommen die Menschen nur durch die Hilfe der Großeltern über die Runden. Das Potenzial für einen Generationenkonflikt schüren die, die so tun, als müssten die Alten zu ihrem Glück gezwungen werden, als sei deren Unvernunft schuld an allem. Ein Sündenbock erleichtert das Leben ungemein!

Dabei gibt es derzeit auch ein Geben und Nehmen.

Es ist richtig, dass die Jungen unglaublich viel für uns tun. Freiwillig! Sie tun das auch, weil wir freiwillig zu Hause bleiben und uns den Umgang mit anderen Menschen verkneifen, weil wir verantwortungsvoll handeln!

Solidarität ist das Gebot der Stunde. Sie sagen, diese sei schwer zu erreichen in einem Land, in dem die Menschen zu Größenwahn und Egoismus erzogen werden. Ist es so schlimm um uns bestellt?

Diese Pandemie ist nur durch Solidarität zu bewältigen! Solidarität ist sozusagen das Maß aller Dinge. Wie sollen wir das verstehen, wo es doch ein Leben lang um Profit, Leistung und Überfluss gegangen ist - und zwar von Geburt an. Die Lebenseinschränkung ist gewaltig, zumal sie nicht um meinethalben - ich, ich, ich - sondern aus solidarischen Gründen - wir, wir, wir - gefordert wurde. Irgendwie ist das so ein gewaltiger Gedankensprung, dass viele ihn nicht verstehen. Das hat mit Intelligenz nichts zu tun, sondern mit Egoismus, der uns anerzogen ist und gut geheißen wird. Ich, ich, ich bin sozusagen "rein" und stecke niemanden an! Ich, ich, ich kann mich auch nicht anstecken, weil ich mich vor Ansteckung richtig schütze. Coronavirus ist für die anderen! Trotzdem bleibe ich der Nabel der Welt.

Wie sieht Solidarität konkret aus?

Solidarität bedeutet, dass ich auf etwas verzichte. Im Sport bedeutet das z. B., dass wir alle auf Sport verzichten, nicht, weil wir uns persönlich dabei anstecken könnten oder weil wir für andere zu einer Ansteckungsgefahr werden, sondern aus Solidarität.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ein Freund von mir, Vorsitzender eines großen Sportvereins, hat kürzlich mit seinen Freunden einen privaten Marathon veranstaltet. Die Ansteckungsgefahr dabei ist nahezu null, und diese Sportler werden sich auch nicht auf der Strecke bei irgendwelchen anderen angesteckt haben, aber es ist unsolidarisch. Das zu verstehen ist die große Schwierigkeit. Solidarität bedeutet eigenen Verzicht zugunsten eines anderen. Der Verzicht des persönlichen Marathons aus Solidarität zur Stilllegung sämtlicher Sportveranstaltungen.

Wie unterscheidet sich die Haltung von Frauen und Männern?

Ich glaube, dass in jeder Krise Ohnmachtsgefühle eine ganz besondere Rolle spielen. Die Ohnmacht auszuhalten, ist unerträglich. "Geht nicht" gibt’s nicht! An diesem Punkt unterscheiden sich Männer und Frauen. Männer brauchen Planungssicherheit, sie brauchen Machbarkeit, Verfügbarkeit und so weiter. Frauen wollen auch nicht ohnmächtig sein, aber sie können mit der Ohnmacht aufgrund ihrer Sozialisation besser umgehen.

Wie meinen Sie das?

Frauen sind beziehungsorientiert und damit auch eher mit Ohnmachtserlebnissen konfrontiert als Männer. Frauen müssen nicht ständig um Macht und Sieg kämpfen. Dem Coronavirus mit Kampf, Macht und Sieg zu begegnen, ist abstrus, zumal wir nicht im Krieg sind. Solidarität ist die Methode und der Wert der Stunde. Und wer hält das momentane System eigentlich am Laufen? Die Frauen mit ihren Hilfs- und Pflegediensten. Und Frauen haben die Last an Corona zu tragen: Sexuelle Gewalt hat drastisch zugenommen.

Was wäre eine Lösung?

Die Männer sollten solidarisch mit den Frauen sein und die Frauen solidarisch mit den Männern. Auch darin sind wir sehr ungeübt.

Wie sieht der Weg zu einer solidarischen Gemeinschaft konkret aus?

Bereits vor 40 Jahren hat der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter ein Buch mit dem Titel "Lernziel Solidarität" geschrieben. Das sollte man als Pflichtlektüre unbedingt wiederentdecken. Die Lasten von Corona betreffen stärker die Frauen als die Männer, ebenso wie sie stärker die Armen als die Reichen betreffen. Die Regeln gelten für alle, aber die Privilegierten wären nicht privilegiert, wenn sie sich jeweils diesen Regeln unterwerfen würden.

Sie finden es unerträglich, dass Frauen die Last tragen und die Männer ihnen die Welt erklären…

Das ist das Fatale an dieser Corona-Krise! Guten Tag, Herr Professor… Diese männlichen Experten tun so, als hätten sie den Durchblick und sind gar nicht in der Lage, darauf hinzuweisen, dass sie über ihr Fachgebiet tatsächlich nicht hinaussehen können.

Aber wir hören ihnen seit Wochen täglich zu…

Irgendetwas fasziniert uns alle an diesen tatkräftigen, Sicherheit versprechenden Experten. Zumindest müssen wir uns selbst nicht den Kopf zerbrechen. Tatsächlich ist es aber eine neue Situation und die sogenannten wissenschaftlichen Experten haben überhaupt nicht genügend Datenmaterial, wodurch gerechtfertigt wäre, das Grundgesetz einzuschränken. Wir wissen nichts über die Corona-Toten, weil sie nicht getrennt sind in Menschen, die an Corona gestorben sind, und Menschen, die Vorerkrankungen hatten. Von einem Politiker wollen wir aber letztlich hören, wie es weitergeht, was er für ein Konzept hat.

Sie vermissen die weibliche Sicht auf die Krise

Es interessierte bis vor wenigen Tagen niemanden, wer die Last dieser Krise trägt, noch interessiert es die Experten, ob die Demokratie funktioniert. Das beginnt sich erst jetzt langsam zu ändern. Mich treibt schon die ganze Zeit die Frage um: Was hat die Frauen verstummen lassen?

Die Frauen, die sich bei den "Omas gegen Rechts" engagieren, sind nicht verstummt. Sie gehen nicht nur gegen rechte Populisten auf die Straße, sie prangern auch die Flüchtlingspolitik an und fordern eine gerechtere, menschlichere Gesellschaft.

Der Gießener Gruppe der "Omas gegen Rechts" ist auch erst mal etwas der Atem genommen, weil die Gruppe zu jung ist, um eine solche Krise kämpferisch durchzustehen. Einige Omas sind unter Einhaltung der Corona-Regeln geblieben und werden auch von vielen Omas durch positives Feedback unterstützt. Wir sind eine große Gruppe auf dem Papier. Zahlenmäßig gab es jedoch immer nur etwa 30 Prozent Aktive. Und diese Aktiven konnten auch ihren Unmut gegen die Situation auf den griechischen Inseln verdeutlichen oder sich am "Fridays for Future"-Netzstreik beteiligen.

Können Sie und Ihre Mitstreiterinnen etwas bewirken?

Uns gibt es ja erst seit zwei Jahren, und in diesen zwei Jahren sind wir um 200 Prozent gewachsen. Allein das spricht ja schon für sich. Dadurch, dass es die "Omas gegen Rechts" in nahezu allen deutschsprachigen Städten gibt, sind wir wohl schon ins Bewusstsein gedrungen. Hier in Gießen haben wir eine gute Verbindung zur Jugend, die sich von uns Buttons mit der Aufschrift "Enkel*innen gegen Rechts" gewünscht hat. Sie haben uns unterstützt bei unserer letzten Veranstaltung "Gewalt gegen Frauen". Das sind großartige Signale der jungen Generation - und der Solidarität.

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