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Feminismus

Als Frauen die Pornokinos in Gießen stürmten

  • Karola Schepp
    vonKarola Schepp
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Walpurgisnachtdemos und Sturm auf Pornokinos - in den 1980er Jahren zeigte sich Gießen in Sachen Feminismus kämpferisch. Das erfährt man bei einem Stadtrundgang mit Jutta Failing.

Es war an einem Tag Mitte Februar 1985, als in die damalige Bäckerei Rühl am Marktplatz fünf vermummte Frauen stürzten und mit schwarzer Farbe die Auslage ruinierten. Denn dort bot die Bäckerei, traditionell zur Fassenachtszeit, aus Marzipan geformte, sexy übereinandergeschlagene Frauenbeine als Leckerei zum Verkauf an. Was heute wohl niemand mehr groß schocken würde, war damals ein Aufreger in den Kreisen der Feministinnen. Mit ihrer Aktion wollten die streitbaren Frauen ein deutliches Protestzeichen setzen.

Es waren eben bewegte Zeiten in den 1980er Jahren. Und das ist nicht nur in der ab dem 27. Oktober wieder im Alten Schloss zu besichtigenden Plakatausstellung "Feuer und Flamme für diese Stadt" zu erkennen, bei der ein Kapitel auch der Gießener Frauenbewegung gewidmet ist, sondern auch bei einem zum Rahmenprogramm gehörenden Impulsvortrag mit Stadtführerin Dr. Jutta Failing. Premiere war am vergangenen Wochenende.

Demos in der Walpurgisnacht

Was in den Siebziger- und Achtzigerjahren Frauen auch in Gießen auf die Barrikaden rief und was Failing zu Beginn des Rundgangs in Erinnerung rief, klingt heute wie aus einer fernen Zeit. Vergewaltigung in der Ehe war straffrei. Berufstätige Frauen brauchten die Erlaubnis ihrer Ehemänner, um arbeiten zu können. Und die Anrede "Frau" musste sich ein "Fräulein" durch Heirat erst "verdienen".

Gegen die Diskriminierung von Frauen, aber auch die Degradierung als Sexobjekte, später den Abtreibungs-Paragraf 218, liefen die Teilnehmerinnen solcher Walpurgisnachtdemonstrationen bis Ende der Achtzigerjahre Sturm. Und sie ernteten, wie Failing berichtete, unverhältnismäßig massive Gegenwehr. 280 Polizisten mit 30 Fahrzeugen standen etwa bei einer Demo 1988 den Walpurgisnacht-Teilnehmerinnen gegenüber. Vier Jahre zuvor waren bei einer dieser Demonstrationen vier Frauen krankenhausreif geschlagen, worden. Mehrere landeten mit verätzten Augen und Hundebissen in der Notaufnahme.

Die Anfänge der Walpurgisnachtdemos gingen auf Aktionen von Feministinnen zurück, mit denen sie im damals auch noch von zahlreichen amerikanischen Soldaten frequentierten Nachtleben der Stadt gezielt stören wollten. Gießen wurde nämlich auch noch in den Siebziger- und Achtzigerjahren seinem wenig rühmlichen Nachkriegsruf als "Shanghai an der Lahn" durchaus gerecht. Failing zeigte den Teilnehmern des Rundgangs jene Orte auf dem Weg zwischen Kirchenplatz und Bahnhofstraße, die damals eine Rolle spielten.

Hauptquartier der Leichtlebigen

Hotspot war das Areal rund um die Bahnhofstraße, laut Failing von jeher eine Straße, zu deren DNA es auch heute noch gehöre, sich zu zeigen. Hier tanzten etwa in der "Casanova Bar", dem "Hauptquartier der Leichtlebigen", so Failing, Frauen nackt auf der Bühne und prostituierten sich im Obergeschoss. Live-Sex und Frauencatchen auf der Bühne des "Moulin Rouge" oder Pornofilme nach Münzeinwurf an einem Automaten im "Fiaker" - in der Bahnhofstraße gehörte das zum Angebot. Und in den örtlichen Zeitungen wurde dafür ungeniert geworben.

Rund um den Bereich "Teufelslustgärtchen", dort wo später das Kaufhaus Horten errichtet wurde, gab es mehrere Kneipen, Bordelle und "Oben Ohne"-Bars, die männliche Kundschaft anlockten. "Bel Ami", "Romantica" oder der "Fiaker", in dem laut Werbung "Filme für Genießer" gezeigt wurden, oder die bis vor fünf Jahren noch betriebene "Bar Parisiana" neben dem Kinocenter waren aber auch das Ziel von Störaktionen der Walpurgisnacht-Frauen. Die Betreiber solcher Etablissements ließen sich davon allerdings ihre Geschäfte kaum kaputtmachen.

Doch viele der heute in der Stadt zu nutzenden Hilfsangebote für Frauen wären ohne das Engagement der Feministinnen in dieser "für Gießen absolut bewegten Zeit" wohl nicht entstanden: Wildwasser, Unvergesslich weiblich, das Frauentaxi, das autonome Frauenhaus - zunächst in der Gutenberg- und Ludwigstraße, später in einer ehemaligen Möbelfabrikation in der Bahnhofstraße 76, dann in einem Hinterhaus der besetzten Alicenstraße 18. Dort endet Failings Rundgang nach knapp zwei Stunden entsprechend.

Viel hat die Frauenbewegung schon erreicht. Doch "es ist noch einiges zu tun", gibt die Stadtführerin gegen Ende ihrer Tour den Teilnehmern mit auf den Weg. Zum Beleg hält sie eine Zeitungsreklame aus dem Jahr 2016 hoch. "Back deinen Mann glücklich" steht dort über dem Foto einer Frau, die stolz einen Kuchen in Fußball-Form präsentiert - und da ist das Rollenbild, das Frauenbeine als sexy Gebäck möglich macht, plötzlich gar nicht mehr so fern.

Frauenbewegung in Gießen

Die nächsten Stadtrundgänge zur Frauenbewegung mit Dr. Jutta Failing finden statt am 8. und 29. November. Start ist jeweils um 11 Uhr am Alten Schloss. Die Teilnahme ist kostenlos, eine Anmeldung aber erforderlich unter Tel. 0641/9609730 oder per E-Mail an museum@giessen.de. Es handelt sich um ein Rahmenangebot zur ab 27. Oktober wieder zu besichtigenden Sonderausstellung "Feuer und Flamme für diese Stadt. Das bewegte Gießen in den 80er Jahren".

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