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Frau von zupackender Energie

  • vonDagmar Klein
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Spiegelkuben-Skulptur, Eierkarton-Assemblage oder Arboreale Form - diese Begriffe beschreiben bildhauerische Arbeiten von Marie Zoe Greene-Mercier. Sie stehen im Hof des Alten Schlosses oder im Botanischen Garten. Doch wer war die Künstlerin, von der gleich mehrere Werke im Besitz des Oberhessischen Museums sind?

Rund um das Alte Schloss stehen Skulpturen, drei davon stammen von einer einzigen Bildhauerin, was durchaus staunenswert ist. Marie Zoe Greene-Mercier (1911-2001) zählt zu den wenigen Frauen in diesem Genre, die in den 70er und 80er Jahren bekannter wurden.

Marie Zoe Mercier wuchs auf in Cambridge/Massachusetts, wo ihr Vater an der Harvard-Universität lehrte. Da ihre Eltern französischer Herkunft waren, wurde sie als Kind zweisprachig erzogen. Während eines Schuljahrs in Rom 1928/29 lernte sie Italienisch. Sie studierte Bildende Kunst und Sprachen in Harvard, schloss dort 1933 mit einem Diplom ab. Sie arbeitete als Französisch-Lehrerin, studierte noch Philosophie und forschte an einem Institut in Chicago zum französischen Impressionismus. Mercier erhielt wichtige Kunst-Stipendien, eines an der New Yorker Universität 1937 und eines am gerade neu gegründeten New Bauhaus in Chicago 1938/39. Letzteres war eine prägende Zeit.

Schenkungen an das Museum

Die multi-professionelle Künstlerin schrieb auch Lehrbücher zur Kunst und Beiträge für die Juniorenausgabe der Encyclopaedia Britannica, nebenher besuchte sie Kurse in Bildhauerei. Sie arbeitete als Expertin für den französischen Film und heiratete 1936 den Leiter der Filmfirma Wesley Hammond Greene, mit dem sie drei Kinder hatte. Nach sechs Jahren in Ottawa/Kanada, wo sie mit ihrem künstlerischen Schaffen begann und erste Ausstellungen hatte, kehrte sie 1946 nach Chicago zurück.

Ab 1961 unternahm Greene-Mercier Reisen nach Europa, zunächst zum Besuch von Bronze-Gießereien, bald folgten Ausstellungen in Italien. 1971 begann eine Arbeitsperiode in Frankreich, auch mit Aufträgen der Staatsregierung. Weitere Erfolge feierte sie in Deutschland, etwa am Berliner Bauhaus-Museum und in Frankfurt. Sie hatte Kontakte zu Künstler Gerhard Burk, der 1978 die Skulpturen im Park-Projekt in Bad Nauheim startete und sie dafür gewinnen konnte. Von dort kam 1986 ein Teil ihrer Arbeiten für die Ausstellung im Alten Schloss. Zuvor hatte es schon eine Schenkung gegeben, ein Ankauf durch das Oberhessische Museum folgte.

1988 beteiligte sich Greene-Mercier an der ersten "Kunst in der City"-Ausstellung in Gießener Schaufenstern. Mitte der 90er Jahre vermachte sie ihre im Museum verbliebenen Werke der Stadt, neben Skulpturen auch Collagen.

Greene-Mercier befasste sich intensiv mit neuen Ausdrucksformen und Materialien. Ihre Skulpturen in abstrahierter Form waren damals noch nicht selbstverständlich. Sie stand nicht nur direkt mit den Gießereien in Austausch, sie hatte auch eine Fachausbildung im Schweißen absolviert und fertigte ihre Metall-Assemblagen selbst. "Resolut zupackende Energie verband sie mit musikalischer Intensität", konstatierte ein Kunsthistoriker. Sie habe konzertreif Geige gespielt, ist zu lesen.

Ihre künstlerische Entwicklung führte sie zu stereometrischen Grundformen, ihre Skulpturen wirkten zunehmend architektonisch und gewannen an Größe. Sie schuf eine Serie von "Container"-Plastiken, in denen sie Formen von industriell gefertigtem Verpackungsmaterial verband und in die Höhe wachsen ließ. Das waren geschlossene Kuben-, offene Schachtel- oder spitz zulaufende Tüten-Formen, auch mal Eierkartons.

Red Cubes standen in der Kongresshalle

Anschauliche Beispiele sind im Besitz des Oberhessischen Museums, im rückwärtigen Hof des Alten Schlosses: die große Spiegelkuben-Skulptur aus Edelstahl links des Hofeingangs, die eine Zeit lang im Foyer der Kongresshalle stand, und die zierlichere Red-Cubes-Skulptur (1971) auf dem Mäuerchen zur Schlossterrasse, die von der Stadt 1986 angekauft wurde und über längere Zeit in der alten Kunsthalle (Kongresshalle) aufgestellt war. Dazu kommt die kleinere Eierkarton-Assemblage im Innenhof des Alten Schlosses.

Eine andere Form entwickelte Greene-Mercier aus der Umrisszeichnung: baumähnliche Stukturen oder kleine Menschengruppen, die sie "Orpheus und Eurydike" nannte. Die 3,80 Meter hohe "Arboreale Form" an der Seite des Alten Schlosses zum Kanzleiberg ist das erste Werk der Künstlerin, das 1985 als Schenkung an das Oberhessische Museum ging. Im Jahr darauf folgte die Ausstellung mit all ihren Werkgruppen im Alten Schloss. Eine weitere Figur fand 2005 ihren Aufstellungsort im Botanischen Garten: "Mutter und Kind" (1970), finanziert durch den Rotary Club Gießen-Altes Schloss.

Greene-Mercier starb 2001. Die Galerie Arthus in Ortenau, geleitet von einem früheren Mitarbeiter des Gießener Museums, widmete ihr 2004 eine kleine Gedächtnisausstellung

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