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In der Nähe der heutigen Tankstelle an der Grünberger Straße haben ein Vater und sein Sohn im Herbst 1950 eine weibliche Leiche gefunden.

Mord verjährt nicht

Frau im Wald erwürgt: Mordfall von 1950 in Gießen noch immer nicht geklärt

  • Kays Al-Khanak
    VonKays Al-Khanak
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1950 wird eine in Lich wohnende Frau in Gießen ermordet. Auch 70 Jahre später ist der Täter noch nicht ermittelt.

Gießen - Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg liegt Gießen in Trümmern. Doch in den 50er Jahren vollzieht sich der Wiederaufbau nicht nur im politischen, sondern auch im wirtschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Leben. In diese Zeit fällt ein Mordfall, der bis heute nicht geklärt ist. Juliane Reinicke fährt am 2. September 1950 mit dem Zug von Lich nach Gießen. Am nächsten Tag wird sie im Stadtwald tot aufgefunden.

Der 3. September 1950 ist ein Sonntag. Ein Mann ist gegen 10 Uhr mit seinem Vater im Stadtwald im Bereich der Rödgener Straße und Grünberger Straße unterwegs, um Holz zu sammeln. Dicht beim heute nicht mehr existierenden Schießstand der Schützengesellschaft 1926 machen sie im Unterholz des Waldstücks eine Entdeckung: Dort liegt eine Frau mit gekrümmtem Körper im Gras, erdrosselt mit einem Cordgürtel. Vater und Sohn benachrichtigen einen Forstmitarbeiter, der sofort die Polizei alarmiert. Die hat damals ihren Sitz in einer unscheinbaren grauen Holzbaracke im Hof der Zeughaus-Kaserne.

Am Fundort der Leiche kommen ein Oberstaatsanwalt, Kriminalbeamte und Mitglieder der amerikanischen Militärpolizei zusammen. Sie machen Fotos vom Fundort, sichern Spuren - doch von denen gibt es kaum welche. Manches spricht dafür, dass der Fundort nicht der Tatort gewesen sein könnte. So fällt den Ermittlern auf, dass die Kleidung der Toten trocken ist - obwohl es in der Nacht zu Sonntag heftig geregnet hat. Der bereits eingesetzten Leichenstarre zu urteilen, muss die Frau bereits seit acht Stunden tot gewesen sein, bevor die beiden Gießener sie fanden, Eine zweite wichtige Spur ist ein graugrüner Cordgürtel, den Soldaten der amerikanischen Streitkräfte tragen, die zu dieser Zeit das Gießener Stadtbild bestimmen. Die Ermittler wissen aber auch, dass Gürtel dieser Art in einigen Geschäften frei erhältlich sind. Die Polizei kann schnell die Identität der toten Frau klären, obwohl sie keine Ausweispapier bei sich trägt. Es handelt sich um die 1891 in Köthen (Anhalt) geborene und in Lich wohnhafte Juliane Franziska Reinicke.

Mord in Gießen: Täter stiehlt Geld, Kleidung und Schmuck

Reinicke hatte im Januar 1950 nach kurzer Arbeitslosigkeit in einem biologischen Institut in Lich eine Arbeit gefunden. Kollegen beschreiben sie als „klug, froh und zuverlässig“; sie sei „beliebt und geachtet“ gewesen. Auffallend sei ihre Zurückhaltung gegenüber Männern gewesen. Ihre Vermieter, Licher Wirtsleute, erzählen der Polizei, Reinicke sei sofort von ihrer Arbeitsstelle nach Hause zurückgekehrt und habe dann jeden Abend einen Spaziergang im Licher Schlosspark gemacht. Die Gießener Freie Presse schreibt: „Ein ruhiger, unaufdringlicher Mensch, dessen einzige Marotte, wenn man das so nennen darf, die Herrenfrisur ihres graumelierten Haares war.“

Reinickes Vater war Kapitän und Regierungsrat. Sie hatte sieben Geschwister, von denen 1950 nur noch zwei leben. Bevor sie als medizinisch-technische Assistentin unter anderem beim Hygienisch-Staatlichen Institut in Hamburg in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg ausgebildet wurde, machte sie gemeinsam mit ihren Eltern größere Seereisen. An jenem 2. September 1950 kommt Reinicke um 15.27 Uhr am Gießener Bahnhof an; die Rückfahrt ist für 18.55 Uhr geplant. Diese wird sie jedoch nie antreten.

Mord in Gießen Zeuge beobachtet verdächtigen Mann

Reinicke fährt nach Gießen, um Einkäufe zu erledigen. Sie hat sich schick gemacht: Die 1,54 Meter große Frau trägt eine grüne Handtasche aus Wildleder. Bekleidet ist sie mit einer dunkelblauen Jacke, rotkarierter Bluse, grauem Rock, braunen, gestrickten Strümpfen sowie braunen Halbschuhen. Im Laufe des Tages wird sie im Gebiet Rödgener/Grünberger Straße gesehen. Hier soll sie illegal amerikanische Lebensmittel für ihre in der Ostzone lebenden Angehörigen gekauft haben.

Die Ermittler sind sich sicher, dass es sich um einen Raubmord handeln muss. Reinicke hatte an jenem Tag ihr Monatsgehalt in Höhe von 300 D-Mark erhalten. Dieses Geld ist verschwunden - genauso wie eine dunkelgrüne Segeltuch-Beuteltasche mit einem Namensschild der Ermordeten mit Anschrift in Hamburg-Altona, eine gehäkelte braune Baskenmütze aus Wolle; eine Sportarmbanduhr der Marke Junghans und ein goldener Siegelring mit grünem Stein und Familienwappen.

Wenige Tage nach dem Mord meldet sich ein Mann bei der Polizei. Er hat am 2. September gegen 19.30 Uhr gemeinsam mit seiner Ehefrau und seinem Schwager in den amerikanischen Schießständen an der Rödgener Straße nach Blei gesucht. Als sie aus dem Wald kommen, bemerken sie einen Mann, der in der Nähe einer Laterne an einem Bushalt in gebückter Haltung steht. Der Unbekannte habe hochgeblickt, sich erschrocken und sei dann schnell zu seinem Fahrrad gelaufen, schildert der Zeuge. Der Mann sei in Richtung Rödgen davongefahren. Als sich der Zeuge der Laterne nähert, findet er auf ihrem Betonsockel eine Brieftasche; sie gehört Reinicke. Er steckt die verschlissene Geldbörse ein, um sie später der Polizei zu übergeben. Dort beschreibt er den Unbekannten folgendermaßen: 25 bis 28 Jahre alt, schwarzes, zurückgekämmtes Haar, blasses, rundes Gesicht, 1,60 bis 1,65 Meter groß, untersetzt, schwarze Hose, schwarzes Hemd. Der Zeuge vermutet, dass es sich um gefärbte, amerikanische Kleidungsstücke handelt. Auf dem Gepäckträger seines Fahrrades sei ein dunkles Bündel festgeschnallt gewesen.

Mord in Gießen: Polizei verfolgt viele Spuren

Es sind wichtige Hinweise, aber keine, die die Ermittler richtig weiterbringen. Sie gehen schließlich an die Öffentlichkeit: In der Gießener Freien Presse zum Beispiel finden sich Fotos von Reinicke, vom verschwundenen Siegelring und von der Uhr. Sie appellieren an Juweliere, die Augen offen zu halten, wenn ihnen jemand die Schmuckstücke verkauft will. Außerdem soll es eine Belohnung in Höhe von 1000 D-Mark für entscheidende Hinweise geben.

Einen solchen scheinen wenig später einige Gießener der Polizei liefern zu können. Sie wollen Reinicke am 2. September 1950 gegen 19 Uhr in der Gaststätte „Schützenhaus“ gesehen haben. Diese Gaststätte befindet sich in unmittelbarer Nähe des Tatorts. Die Zeugen geben gegenüber der Polizei an, Reinicke habe mit drei Männern an einem Tisch gesessen. Ein US-Soldat sei an den Tisch gekommen und habe kurz mit den vier Personen gesprochen. Anschließend seien alle aufgestanden und hätten die Gaststätte verlassen.

Die Ermittler konzentrieren ihre Energie auf diese Spur und stoßen schnell auf einen der Männer, die Reinicke begleitet haben. Zwei Polizisten werden in seine Wohnung am Tannenweg geschickt. Als sie klingeln und ihnen die Tür geöffnet wird, trauen sie ihren Augen nicht: Vor ihnen steht eine Frau, die der Toten sehr, sehr ähnlich sieht. Sie bestätigt den Beamten, das sie gemeinsam mit ihrem Ehemann und ihren drei Söhnen an jenem Abend im „Schützenhaus“ war. Bei einer Gegenüberstellung müssen die Zeugen bestätigen, dass sie die Frauen schlicht verwechselt haben. Die Polizei ist der falschen Spur gefolgt - und die Spur zum Mörder von Juliane Reinicke ist nach über 70 Jahren mittlerweile erkaltet.

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