"Frau ist einzige Abtreibungsgegnerin"

  • schließen

Und jetzt auch noch der Internetanbieter. "Bis morgen" habe er ihr Zeit gegeben, das Wort "Schwangerschaftsabbruch" von ihrer Homepage zu entfernen. Sonst werde diese gesperrt. "So ist das. Von allen Seiten wird einem das Leben schwer gemacht", sagt Kristina Hänel am Montagabend im Jokus. Es klingt eher sarkastisch als resigniert. Im November ist die Gießener Ärztin zu einer Geldstrafe verurteilt worden, weil sie online darüber informiert, dass sie Abtreibungen durchführt. Ihr Ziel sei es nun, vor das Bundesverfassungsgericht zu ziehen, betont sie. Schon deshalb könne sie auf das Ultimatum nicht eingehen.

Und jetzt auch noch der Internetanbieter. "Bis morgen" habe er ihr Zeit gegeben, das Wort "Schwangerschaftsabbruch" von ihrer Homepage zu entfernen. Sonst werde diese gesperrt. "So ist das. Von allen Seiten wird einem das Leben schwer gemacht", sagt Kristina Hänel am Montagabend im Jokus. Es klingt eher sarkastisch als resigniert. Im November ist die Gießener Ärztin zu einer Geldstrafe verurteilt worden, weil sie online darüber informiert, dass sie Abtreibungen durchführt. Ihr Ziel sei es nun, vor das Bundesverfassungsgericht zu ziehen, betont sie. Schon deshalb könne sie auf das Ultimatum nicht eingehen.

"Moral – Nützlich oder brutal?" hat Hänel ihren Vortrag bei der Gießener Ortsgruppe des Humanistischen Verbandes Deutschland überschrieben. Darauf werde sie keine klare Antwort geben können, entschuldigt sich die Medizinerin gleich zu Beginn. Eindeutig sei indes die Verbindung zwischen der Gesetzeslage und der Zahl der Abbrüche: "Wenn ich den Lebensschutz ernst nehme, muss ich die Gesetze liberalisieren."

Diesen Zusammenhang belegten etliche Studien. Guter Zugang zu Verhütungsmitteln sowie zu Informationen und gegebenenfalls auch zum Schwangerschaftsabbruch seien entscheidend. Paragraf 219a Strafgesetzbuch, nach dem Hänel verurteilt wurde, verbietet Ärzten hierzulande aber, über Abtreibungen zu informieren, wenn sie diese auch durchführen. "Der Gesetzgeber möchte, dass Abtreibung in der Gesellschaft nichts Normales wird", sagt Hänel. Daher dürften "nur Abtreibungsgegner über Abtreibung sprechen, alle anderen nicht". Das allerdings sei ungefähr so, "als ließe man die AfD als einzige Partei erklären, was Demokratie ist".

In Hänels Fall ist freilich genau das Gegenteil passiert. "Es musste jetzt geredet werden" und "Der Paragraf 219 muss weg", heißt es entsprechend in ihrem neuen Buch "Die Abtreibungsärztin", aus dem sie im Laufe des Vortrags eine Passage liest. Im Mittelpunkt stehen dabei ihre Praxiserfahrungen: "So ist unser Alltag. Manchmal lachen wir, manchmal weinen wir. Niemals geht es bei uns um leichtfertige Frauen."

Letztlich entscheide sich der Umgang mit "Schwangerschaftsabbrüchen" aber ohnehin nicht an der Lage der Frauen. Vielmehr seien "ein bestimmtes Frauenbild" und "Macht" entscheidend dafür, wie restriktiv eine Gesellschaft das Thema handhabe, während andererseits "die Ideologie mit der Realität am Ende nichts zu tun" habe. Großen Wert legt Hänel auf die Sprache. Beispiel "Abtreibungsgegner": "Die einzige Abtreibungsgegnerin ist die Frau", betont sie. Oder "Abtreibungsbefürworter": "Ich bin keine Abtreibungsbefürworterin. Ich bin auch keine Herzinfarkts- oder Schlaganfallbefürworterin, aber wenn jemand mit einem Herzinfarkt vor mir liegt, reanimiere ich den."

Aus dem Publikum bekommt Hänel anschließend viel Zuspruch. So echauffiert sich ein Zuhörer, es sei "unerträglich, dass die vier Prozent regelmäßigen Kirchgänger unsere Gesellschaft in Geiselhaft nehmen". Und ein Biologielehrer meint, um an den Wurzeln des Problems anzusetzen, müsse die Gesellschaft "viel früher und nicht im Dunstkreis von Prüderie aufgeklärt werden".

Bei aller Klarheit der Positionen kommen auch die emotionalen Widersprüchlichkeiten zur Sprache. "Wenn eine Frau ihr Kind zur Welt bringen will, mache ich alles dafür", sagt Hänel zum Beispiel. "Wenn eine Frau sagt, sie kann es nicht, tue ich alles, damit sie gesund da rauskommt." Das Ungeborene habe "per se einen hohen moralischen Wert – aber nicht gegen den Willen der Frau". Jedes ihrer eigenen Enkelkinder habe sie dennoch "schon im Mutterleib geliebt", fügt Hänel hinzu. "Und für jedes Einzelne hätte ich gekämpft." Die Berufungsverhandlung zu Hänels Fall findet am 6. September vor dem Landgericht statt.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare