Frank Steibli arbeitet seit zehn Jahren als Pressesprecher des UKGM. Vorher saß er als Gewerkschafter auf der anderen Seite des Tisches. 	FOTO: SCHEPP
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Frank Steibli arbeitet seit zehn Jahren als Pressesprecher des UKGM. Vorher saß er als Gewerkschafter auf der anderen Seite des Tisches. FOTO: SCHEPP

Mensch, Gießen

Frank Steibli: Krisen und stürmische Zeiten

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Frank Steibli ist Vater, Sozialdemokrat und Pressesprecher des Uniklinikums. In allen drei Rollen hat der Gießener schon so manche Krise meistern müssen. Ein Porträt.

Ein stürmischer Wind fegt über das Gelände des Uniklinikums. Frank Steibli macht das nichts aus. »Wir können trotzdem einen Spaziergang machen«, sagt der 53-Jährige. Als Pressesprecher des Krankenhauses ist er Gegenwind gewohnt. Aktuell sorgt zum Beispiel der Verkauf des UKGM für kritische Stimmen. Steibli kann sich in beide Seiten hineinversetzen. Schließlich hat er 2006 selbst gegen die Privatisierung des Hauses gekämpft.

Vom Haupteingang steuert Steibli den schmalen Gang zur Kinderklinik an. Und beginnt zu erzählen. »Ich bin in Stuttgart geboren und in der Nähe aufgewachsen. Mein Vater hat in einer Spedition gearbeitet und sich dann selbstständig gemacht. Meine Mutter war Zeit ihres Berufslebens Sekretärin. Von ihr habe ich drei wesentliche Dinge mit auf den Weg bekommen: Einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit, Disziplin und Fleiß.« Eine große Rolle in seinem Leben spiele auch seine 14 Jahre jüngere Schwester. »Ich liebe sie sehr. Inzwischen ist sie für mich eine wichtige Lebensberaterin geworden.«

Es klingt so, als ob Steibli eine schöne Kindheit hatte. Schulisch gesehen hätte es aber besser laufen können. Mit Mathe und Physik stand er auf dem Kriegsfuß. Also wechselte er vom Gymnasium aufs Berufskolleg. Nach dem Abschluss wünschte sich sein Vater, dass der Sohn eine Ausbildung beginnt. Und da Steibli keine eigenen Pläne hatte, wurde er Kaufmann für Groß- und Außenhandel. Es war aber nicht die Ausbildung, die seinen weiteren Weg bestimmen sollte, sondern die Politik. Genauer gesagt: der Vorsitzende seines sozialdemokratischen Ortsverbands.

Scheidung größte Lebenskrise

»Ich war damals in der Friedensbewegung aktiv und habe den Kriegsdienst verweigert. Außerdem bin ich 1985 in die SPD eingetreten. Dort habe ich auch meinen Ziehvater kennengelernt«, erzählt Steibli, der heute selber Vorsitzender der Sozialdemokraten in Linden ist. Besagter Mentor habe ihm nicht nur das Verständnis für die vielfältige parteipolitische Arbeit vermittelt. Er habe seinen Schützling auch angestachelt, mehr aus seinem Leben zu machen. Also ging Steibli nach Frankfurt auf die Akademie der Arbeit und schlug den Weg eines Gewerkschaftsvertreters ein.

Steibli ist nun schon eine knappe Stunde über den Klinik-Komplex gewandert. Er hat viel über Sozialdemokratie und das Gewerkschaftswesen gesprochen. Als erfahrener Pressesprecher weiß er aber, dass für solch ein Porträt auch die familiäre Seite eine Rolle spielt. Der Gießener hat sich gut überlegt, was er dazu sagen will. Und trotzdem kommen ihm die folgenden Sätze nur schwer über die Lippen. »Ich habe 1998 geheiratet. Ich habe einen Sohn und eine Tochter. Die Ehe ist jedoch vor acht Jahren gescheitert.« Steibli spricht von der größten Krise seines Lebens. »Es war sehr schmerzhaft. Ich habe in dieser Zeit nur funktioniert. Meinen Job gemacht. Ein- und ausgeatmet.« Man merkt dem 53-Jährigen an, dass ihm die Trennung auch heute noch zu schaffen macht. Vor allem wegen seiner Kinder. »Ich habe einen guten Freund, der aus dem Iran kommt. Er hat mir mal ein Sprichwort aus seiner Heimat erzählt: Wenn ein Tonkrug zu Boden fällt und zerbricht, kann man ihn kleben. Die Risse bleiben aber immer sichtbar.«

Zu Beginn seiner Karriere war die private Welt noch in Ordnung. Nach seiner Zeit auf der Akademie für Arbeit heuerte Steibli als Referent für politische Bildung bei der Gewerkschaft in Mainz an. »Ich habe auch die Landesverwaltung betreut, Personalräte beraten und Tarifverhandlungen geführt.« Die Rolle des Pressesprechers wurde ihm ebenfalls übertragen. Steibli muss grinsen: »Ich war ein sehr schüchternes Kind. Hätte mir damals jemand gesagt, ich würde beruflich mal in der Öffentlichkeit stehen, hätte ich ihn für verrückt erklärt.«

Doch Steibli gewöhnte sich an die Pressekonferenzen und Radiointerviews. Und offenbar machte er seinen Job sehr gut. Denn eines Tages erhielt er die Anfrage aus Stuttgart, ob er nicht für Herbert Mai, den damaligen Vorsitzenden der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr, Reden schreiben wolle. Gemeinsam bereiteten sie den Zusammenschluss von fünf Gewerkschaften zur Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) vor. Mai galt als Kandidat für den Vorsitz, doch beim entscheidenden Gewerkschaftstag entzogen ihm die Mitglieder das Vertrauen. »Eine harte Zeit«, sagt Steibli. »Und eine herbe Niederlage.«

Allerdings öffnete sich für ihn schnell eine andere Tür. Und das ist wörtlich zu verstehen. »Ich stand im Fahrstuhl, als der Landeschef der ÖTV Hessen dazu stieg und mich fragte, ob ich für ihn arbeiten wolle.« Steibli wollte. Ab 2001 half er dabei, die neue Gewerkschaft Verdi aufzubauen. »Das war eine große Herausforderung. Wir mussten fünf Gewerkschaften mit unterschiedlichen Kulturen, Strukturen und Denkweisen zusammenbringen.« Fünf Jahre lang machte er diesen Job.

Dann ereilte ihn ein Anruf aus der SPD-Parteizentrale in Wiesbaden. »Willst du eigentlich immer nur für die Gewerkschaft arbeiten?«, fragte ihn der Fraktionschef und bot ihm die Stelle des Pressesprechers an. Steibli musste nicht lange überlegen. Was er zu diesem Zeitpunkt nicht ahnte: Der hessischen SPD standen unruhige Zeiten bevor.

Steibli war hautnah dabei, als Andrea Ypsilanti ihre Kehrtwende nach links vollzog und damit die Regierungsbildung zum Scheitern brachte. Wenig später unterstützte er Thorsten Schäfer-Gümbel beim Versuch, Landesvater zu werden. Am Ende setzte es auch hier eine herbe Schlappe.

Vielleicht hat die Sache aber auch etwas Gutes. Denn ohne die Wahlniederlage von Schäfer-Gümbel hätte die Rhön AG Steibli wohl niemals die Stelle des Pressesprechers angeboten. Im Gegensatz zu seinen vorherigen Jobs brauchte der Gießener aber eine längere Bedenkzeit. Als Gewerkschafter und Sozialdemokrat hatte er bis zuletzt gegen die Privatisierung des Uniklinikums gekämpft. Als er schließlich den Posten beim einstigen Widersacher annahm, kam das bei vielen nicht gut an. »In meiner Partei waren einige verstimmt, manche auch verärgert. Ich bin lange argwöhnisch beäugt worden.«

Er selbst sei mit sich aber im Reinen gewesen und habe keine moralischen Bedenken gehabt, sagt Steibli und liefert gleich die Erklärung: »Das Krankenhaus ist eine tolle Einrichtung. Hier arbeiten 5500 Menschen aus 70 Herkunftsländern daran, dass es den Patienten besser geht.«

Kritik von SPD-Kollegen

Steibli hat das am eigenen Leib erfahren. Der frischgebackene UKGM-Pressesprecher hatte damals einige Kilos zu viel auf den Rippen und absolvierte im hauseigenen Adipositas-Team einen dreimonatigen Kurs. Am Ende war er 16 Kilo leichter. Der Jojo-Effekt ist bis heute ausgeblieben. »Das hat mein Leben verändert.«

Der Rundgang ist vorbei, Steibli ist wieder am Haupteingang der Klinik angelangt. Ein Haus, dem er viel Respekt entgegenbringt. »Hier arbeiten die besten Ärzte und Pflegekräfte im Umkreis von rund 100 Kilometern. Sie helfen Menschen in größter Not.« Jedes Mal, wenn er die anfahrenden Sirenen oder den Rettungshubschrauber höre, gehe ihm das unter die Haut. »Ich weiß aber auch: Je näher die Menschen der Klinik kommen, desto sicherer sind sie.«

Ein Pressesprecher muss so etwas sagen. Bei Steibli klingt es aber aufrichtig. Gleichzeitig will er nichts beschönigen: Er hat in den vergangenen Jahren viele kritische Phasen moderieren müssen. Pflegenotstand, geschlossene Stationen, Überlastung der Mitarbeiter, jetzt der Verkauf an die Asklepios-Gruppe. »Aber auch wenn es so stürmisch ist wie heute«, sagt Steibli im wehenden Wind, »muss man für die Leute einstehen, denen man sich verbunden fühlt.«

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