Ein Teeservice, zwei Gläser und ein Chanukka-Leuchter der Familie Katz sind erhalten geblieben und im Heimatmuseum Wieseck ausgestellt. FOTO: SEG
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Ein Teeservice, zwei Gläser und ein Chanukka-Leuchter der Familie Katz sind erhalten geblieben und im Heimatmuseum Wieseck ausgestellt. FOTO: SEG

Fragmente jüdischen Lebens

Das Museum des Heimatvereins Wieseck stellt drei Exponate einer jüdischen Familie aus, an denen man ihre Geschichte nacherzählen kann. Das Oberhessische Museum sucht ebenfalls nach Fragmenten jüdischen Lebens in Gießen.

Aus der Zeitzeugen-Generation gibt es fast niemanden mehr, der noch erzählen kann, was er damals erlebt hat. 87 Jahre sind seit der "Machtergreifung" Hitlers vergangen. Aber es gibt unzählige Dokumente, Video- und Audioaufnahmen und Gedenkstätten, die beim Erinnern helfen. Das Oberhessische Museum und der Verein Transit versuchen, Gegenstände aus dem jüdischen Leben in Gießen zusammenzutragen, um damit die Geschichte der jüdischen Mitmenschen der Stadt zu dokumentieren.

Einer davon war der in Wieseck lebende Dr. Ludwig Katz. Er ist hier 1896 auf die Welt gekommen und zur Schule gegangen. Danach hatte er bis 1918 im Ersten Weltkrieg gedient und dann sein Medizinstudium in Gießen begonnen. Mit Abschluss seiner Promotion 1922 lag eine aussichtsreiche Karriere als Arzt vor ihm. Doch er und seine Familie wurden Opfer der NS-Vernichtungsmaschinerie. Ludwig Katz und seine Frau waren Juden.

Ein Zeugnis ihres Glaubens ist der Chanukka-Leuchter der Familie Katz im Wiesecker Heimatmuseum. Chanukka ist ein acht Tage dauerndes jüdisches Fest, während dem an die Wiedereinweihung des zweiten Tempels von Jerusalem erinnert wird. Im Laufe des Festes werden die Kerzen des Leuchters nach und nach angezündet, jeden Tag eine Kerze mehr.

Jüdisches Fest Chanukka

Nach der "Machtergreifung" hatte Katz trotz des zunehmenden Terrors auf den Straßen gegen die jüdische Bevölkerung weiter als Arzt gearbeitet. Ursula Schroeter vom Heimatverein schildert: "Es wird erzählt, dass er sich immer hinter den Hecken versteckt habe und zu seinen Patienten geschlichen sei." Ende September 1938 sei ihm schließlich die Approbation entzogen worden, erzählt sie. Berufsverbot und Ausgrenzung machten für Gießener Juden selbst einfache Dinge, wie das Kaufen von Essen, zu einem Problem. Viele waren auf Spenden von Unterstützern oder den Tauschhandel angewiesen.

Davon zeugt das Teeservice der Familie Katz. Schroeter erklärt: "Das wurde damals von Katz bei dem Lebensmittelladen Oswalds in der ehemaligen Karl-Benner-Straße eingetauscht." Jahre später wurde es dem Wiesecker Heimatverein übergeben. Eine Frau habe es auf ihrem Speicher liegen gehabt.

Während es in den Jahren seit der Machtübernahme ständig passierte, dass Juden mit Gewalt oder Druck dazu gezwungen wurden, ihre Geschäfte unter Wert zu verkaufen, hat die NS-Führung ab 1939 konsequent die "Arisierung" jüdischen Grundbesitzes verfolgt. Katz musste infolgedessen mit seiner Frau Sofie und Tochter Hildegard ihr Haus in der Keßlerstraße 15 verlassen und in sein Elternhaus in der Gießener Straße 27 ziehen.

Schroeter erläutert dazu die Geschichte hinter einem weiteren Exponat: "Eine Nachbarin hatte diese zwei Gläser aus dem Haus der Katz. Sie sagte, die seien als einziges noch in dem Haus gewesen, nachdem die Familie gezwungen worden war, auszuziehen." Der Rest sei wahrscheinlich von den Nazis beschlagnahmt worden. Aus der Gießener Straße wurde die Familie 1942 über Darmstadt vermutlich in das Vernichtungslager Treblinka deportiert. Man wisse es nicht genau. Auch das Datum ihrer Ermordung sei nicht überliefert, sagt Schroeter.

1942 deportiert und ermordet

Neben den Stolpersteinen in der Keßlerstraße sind es diese drei Exponate im Heimatmuseum Wieseck, die an die Familie erinnern und mit denen sich die Taten der Nazis nacherzählen lassen.

Das Oberhessische Museum sucht für seine Ausstellung nach weiteren Exponaten aus Gießen, die das jüdische Leben dokumentieren, und bittet die Gießener um Mithilfe. Wer einen Gegenstand hat, von dem er glaubt, dass er mit jüdischem Leben in Verbindung stehe, der kann sich entweder per Telefon (0 641 / 9 609 730) oder per E-Mail (museum@ giessen.de) melden, wenn möglich mit einem Foto des Objektes.

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