Antje Mühlhans ist Leiterin des Landgraf-Ludwigs-Gymnasiums in Gießen. FOTO: SCHEPP
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Antje Mühlhans ist Leiterin des Landgraf-Ludwigs-Gymnasiums in Gießen. FOTO: SCHEPP

Fortschritte bei der Digitalisierung

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Die Sommerferien haben begonnen. Für Lehrer, Schüler und Eltern eine Chance, durchzuatmen. Die Leiterin des Landgraf-Ludwigs-Gymnasiums in Gießen, Antje Mühlhans, blickt auf bewegte Monate zurück - und hat offene Fragen zum Neustart nach den Sommerferien.

Die Corona-Pandemie hat auch die Schulen vor neue Herausforderungen gestellt. Nun haben die Sommerferien angefangen und die Schulgemeinden gehen mit gemischten Gefühlen in die sechs Wochen lange Pause. Antje Mühlhans ist Leiterin des Landgraf-Ludwigs-Gymnasiums in Gießen. Sie spricht im Interview darüber, was gut und weniger gut gelungen ist, über Vorurteile über Lehrer - und wie der Unterricht nach den Ferien aussehen kann.

Frau Mühlhans, wie würden Sie aus Sicht des Landgraf-Ludwigs-Gymnasiums die merkwürdige Zeit seit März charakterisieren?

Antje Mühlhans: Basierend auf den Rückmeldungen vieler Eltern kann ich sagen, dass wir sehr gut durch diese Zeit gekommen sind. Es gab verschiedene Möglichkeiten, die Vorgaben des Ministeriums umzusetzen. Wir haben uns entschieden, so viel Unterricht wie möglich zu geben und uns immer gefragt, wie wir die maximale Stundenzahl unter den gegebenen Umständen erreichen können. Das hat sich bewährt. Ebenso, dass wir die beiden Schülergruppen einer Klasse im täglichen Wechsel unterrichten. Das gibt ihnen mehr das Gefühl der Normalität. Denn wenn wir wochenweise gewechselt hätten, hätte es vermutlich einen Spannungsabfall bei den Schülern gegeben.

Gibt es bei dieser Form auch Risiken?

Auf jeden Fall. Ein Risiko liegt zum Beispiel darin, dass die Schüler, die die zweite Fremdsprache lernen, die Gruppe wechseln mussten. Uns war bei dieser Entscheidung wichtig, dass die Fachlehrer ihre eigenen Schüler unterrichten. Und auch das hat sich bewährt.

Sehen Sie auch positive Aspekte?

Der positive Nebeneffekt - in Anführungszeichen - ist der, dass wir in Sachen Digitalisierung viel, viel weiter sind, als wir jemals geglaubt haben, in so kurzer Zeit zu kommen. Wir haben IServ eine Woche vor dem Lockdown erhalten und sind ins kalte Wasser geworfen worden. Das hat dank unseres IT-Teams super funktioniert.

Wie lautet Ihr Fazit für das Homeschooling?

Es sind immer diejenigen Schüler im Vorteil, deren Eltern helfend eingreifen. Schüler werden eher abgehängt, wenn sie keine Unterstützung erhalten. Aber das ist keine neue Erkenntnis. Am schwierigsten war es für die fünften Klassen, weil sie von der Grundschule kommend noch ganz andere Unterrichtsformen gewohnt waren. Für die anderen Klassen haben wir Rückmeldung erhalten, dass es super gelungen ist und die Umstellung schnell geklappt hat. IServ hat ein sehr schönes Modul, das Aufgabenmodul. Dort können die Kollegen eine Aufgabe einstellen und vermerken, bis wann sie erledigt sein muss. Wenn der Termin erreicht ist, kann die Hausaufgabe nicht mehr abgegeben werden. Das ist durchaus eine gute erzieherische Maßnahme.

Das Homeschooling ist aber nicht in die Note eingeflossen.

Nein. Dennoch war es ungeheuer wichtig, den Schülern eine Rückmeldung zu geben, gerade dann, wenn sie nichts abgegeben hatten. Die Kollegen haben viel kontrolliert und korrigiert. Bei circa 28 bis 30 Schülern je Klasse ist das sehr viel Arbeit je gestellter Aufgabe.

Welche Schwierigkeiten gab es?

Anfangs war die Menge der gestellten Aufgaben zu groß. Wir sind übers Ziel hinausgeschossen, vor allem bei den Jüngeren. Als der Präsenzunterricht begann, gab es aber die Rückmeldung, es könnte mehr Hausaufgaben geben. Schwierig ist es, die Menge der Aufgaben so individuell abzustimmen, wie es im Präsenzunterricht möglich ist. Hierbei gehen Sie von Tisch zu Tisch und sehen, wer Probleme hat. Sie können positive Rückmeldungen geben, Mut machen und Tipps geben. Im Homeschooling können Sie den Lernprozess nicht auf diese Weise begleiten.

Sie haben vorhin vom Arbeitsaufwand des Lehrerkollegiums gesprochen. Im Zuge der Krise hat es diesbezüglich eine generelle Kritik an dieser Berufsgruppe gegeben: Manche machten zu wenig und sperrten sich gegen den Präsenzunterricht.

Mich ärgert es generell, wenn von "den Lehrern" die Rede ist. Wir hatten die Rückmeldung vom Schulelternbeirat, dass unser Kollegium eine hervorragende Arbeit geleistet hat. Das ist eine Auszeichnung. Sie haben sich um die Schüler sehr gut gekümmert und mit hohem Aufwand gearbeitet. Der überwiegende Teil des Kollegiums hat sich wahnsinnig viel Mühe gegeben. Sie alle mussten sich zum Beispiel in eine neue Form des Unterrichtens einarbeiten: Digitaler Unterricht ist ganz anders als Präsenzunterricht. Sie haben ihre Aufgabe als Lehrer im Sinne eines verantwortungsvollen Erziehers angenommen, die Kinder auch mental betreut, sich immer wieder Sorgen um einzelne Kinder gemacht und Kontakt zu ihnen aufgenommen. Hier hat jeder sein Bestes gegeben, dennoch war sicherlich nicht alles optimal.

Kritische Stimmen gab es auch zum Corona-Abitur.

Wir haben versucht, den Stress, den wir in der Schulleitung empfunden haben, von den Schülern fernzuhalten. Zum Beispiel beim Englisch-Abitur, als nicht klar war, ob das Ministerium die schriftlichen Abiturprüfungen abbricht. Im Endeffekt war es ein fast ganz normales Abitur: Es war ruhig, die Schüler hatten so viel Platz wie noch nie zum Arbeiten und die mündlichen Prüfungen liefen ganz normal ab. Sicherlich waren sie mental durch die Pandemie beeinflusst, ob sie selbst oder ein Familienmitglied krank werden. Das bleibt natürlich nicht außen vor. Aber wenn ich die Ergebnisse unserer Schule und die der anderen Schulen in Gießen sehe, dann sind sie sehr gut ausgefallen- weit besser als der Landesdurchschnitt.

Wie war die Durchschnittsnote am Landgraf-Ludwigs-Gymnasium?

2,1. Normalerweise liegt der Landesdurchschnitt bei ca. 2,4 bis 2,5. Ärgerlich aber war, dass die Abschiedsrituale anders ausgefallen sind als gewohnt: Die Schüler konnten dieses Mal nicht die Schule mit einem Abigag aufmischen, Mottowochen entfielen, es gab einen reduzierten Festakt und leider keinen Abiball. Das ist sehr schade für diesen Jahrgang.

Nach dem Sommer soll der Regelunterricht wieder starten. Wie bewerten Sie diesen Schritt?

Ich sehe es mit Sorge, wenn alle Schüler gleichzeitig wiederkommen werden. Wir haben keine großen und ausreichenden Räume am LLG. Bei rund 30 Schülern pro Klasse wird das eng. Des Weiteren beunruhigt uns die Vorgabe des Ministeriums, dass Schüler, die nach wie vor nicht am Präsenzunterricht teilnehmen können, per Videoschaltung in den Unterricht so eingespielt werden müssen, dass sie am Präsenzunterricht vollumfänglich teilnehmen können. Hierfür fehlen uns im Moment noch die digitalen Voraussetzungen. Das muss alles noch bis zum Schuljahresbeginn mit dem Schulträger geklärt werden. Unter diesen Bedingungen sollen dann auch Leistungsbewertungen im Distanzmodus möglich sein. Auch hierfür müssen noch Konzepte erarbeitet werden, sodass die Schüler im Distanzunterricht gut und verlässlich mit Aufgaben- und Lernmaterial versorgt sind. Es bleibt also viel zu tun. Hoffen wir, dass wir dabei alle gesund bleiben.

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