Flughafen weckt Begehrlichkeit der Kriegsplaner

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Der Flughafen am "Stolzen Morgen" ist ein Gießener Mythos. Dabei wird schnell vergessen, dass das Kapitel der Zivilluftfahrt in Gießen nur acht Jahre währte.

Trotz der guten Anfangserfolge wurde der 1925 eingeweihte Platz von der Lufthansa im Sommer 1933 aufgegeben und weckte schnell die Begehrlichkeiten der nationalsozialistischen Aufrüstungs- und Kriegsplaner, wie der Lokalhistoriker Harald Klaus herausfand.

Nachdem die Luftfahrt-AG Oberhessen-Lahngau (Oblag) in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten war und auch die Lufthansa den Flughafen Gießen nicht mehr anflog, wurde in streng geheimen Untersuchungen durch Vertreter des Luftgaukommandos Münster und Verhandlungen zwischen diesen und dem Gießener Magistrat eine Tauglichkeit des Flughafens für militärische Zwecke geprüft und als gegeben befunden.

Umbau und Erweiterung

Von der Inbetriebnahme des Zivilflughafens als Fliegerhorst für ein Bombengeschwader der Luftwaffe musste dieser von einer Einheit des Reichsarbeitsdienstes (RAD), dessen Lager sich am Philosophenwald befand, umgebaut und wesentlich erweitert werden. Im Lageplan von damals hieß es: "In der ersten Reihe am Rande des Rollfeldes befanden sich die Hallen für die Flugzeuge, in der zweiten Reihe die Unterkünfte für das Personal der Kampfstaffeln und in der dritten Reihe am Rande des Forstes die Einrichtungen für die Offiziere: Wohnhaus des Kommodore, Wohnhaus des Kommandanten, Unterkünfte der Offiziere und das Offizierkasino."

Auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes befanden sich drei Stationen zum Betanken der Flugzeuge. Von der Bahnlinie Gießen-Fulda zweigten im Bahnhof Rödgen Gleise zum Flughafengelände ab; der Gleisverlauf ist bis heute so geblieben.  Auf dem Gelände gab es sogar einen Lokomotivschuppen mit Kohlelager.

Im Februar 1938 konnte die für Gießen vorgesehene Einheit in den neuen Standort verlegt werden. Die II. Gruppe des Kampfgeschwaders 254 zog am 8. April in den Fliegerhorst ein; mit einer großen Festveranstaltung vor der Volkshalle wurde das Geschwader von Oberbürgermeister Ritter begrüßt.

Jäger gegen Bomber

Etliche Angehörige der Luftwaffe, die in Gießen einzogen, hatten bereits Kampferfahrungen sammeln können, da sie 1936 bei der "Legion Condor" im spanischen Bürgerkrieg eingesetzt waren. Am 1. Mai 1939 wurde die in Gießen stationierte und mit zweimotorigen Bombern des Typs Heinkel 111 ausgerüstete Einheit in Kampfgeschwader 55 umbenannt und gehörte zur Luftflotte 3. Auf den Kanzlen der Maschinen prangte das Wappen der Stadt Gießen, ein geflügelter "Greif". Das Geschwader mit Stab und II. Gruppe hatte vom 24. Oktober 1938 bis 31. August 1939 und vom 22. September 1939 bis 10. November 1939 Gießen als Standort.

Im späteren Verlauf der Krieges war der Horst Gießen vom Kampfgeschwader 55 nicht mehr belegt. Andere Luftwaffeneinheiten waren in der Folge hier stationiert, um die "Reichsverteidigung" gegen die Luftangriffe der Engländer und Amerikaner zu gewährleisten. Auch Jäger des Typs Messerschmitt 109, an deren Motoren Tilli Neffgen schraubte, waren hier stationiert. Das Flughafenareal war ab dem Jahr 1944 neben dem Bahngelände häufig Ziel der alliierten Luftangriffen. Tilli Neffgen hat offenbar einige Tieffliegerangriffe im Herbst 1944 miterlebt, die in den Annalen verzeichnet sind. Den schwersten Angriff gab es an Heiligabend 1944, als die US Air Force 250 Tonnen Sprengbomben auf das Gelände des Fliegerhorstes abwarf. Der letzte Angriff auf den Flugplatz erfolgte am 27. März 1945, am Tag vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen in Gießen.

Dem Umstand, dass das Areal immer wiedfer bombardiert wurde, wird auch im Bebauungsplan "Alter Flughafen" Rechnung getragen. Darin heißt es: "Insgesamt wurden im Gesamtbereich etwa 850 Bombentrichter und 184 Bomben-Blindgänger-Verdachtspunkte ausfindig gemacht."

Streit um Erinnerungskultur

An die Präsenz der Hitler-Luftwaffe in Gießen erinnerte in den Nachkriegs-Jahrzehnten vor allem der Kameradenkreis des "Greifen"-Geschwaders. Dessen Zusammenkünfte und Ehrenmal an der Licher Gabel war seit den 1980er Jahren immer wieder Gegenstand einer heftigen Auseinandersetzung um die richtige Erinnerungskultur. Dem Kameradenkreis wurde mit Hinweis auf die Mitwirkung des Kampfgeschwaders 55 an der Zerstörung von Städten wie Rotterdam, Warschau oder dem englischen Coventry Kriegsverherrlichung und Verharmlosung der Nazi-Diktatur vorgeworfen. Erst durch die Initiative von Kulturdezernent Dr. Reinhard Kaufmann wurde der Platz an der Licher Gabel vor fast 15 Jahren  quasi befriedet. Seitdem steht dort die Skulptur "Trauernde Witwe" (Foto), zudem wird das historische Geschehen durch eine Textafel eingeordnet.

Info

Schwerter zu Lofts

In der 1936 von der Nazi-Luftwaffe errichteten Motorenwerft, in der acht Jahre später die kleine Tilli Neffgen aus Annerod Flugzeugmotoren warten musste, will Depot-Eigentümer Daniel Beitlich Büros und Loftwohnungen in einem Boxensystem bauen. "Das kommt aber ganz zum Schluss, denn das ist eher Hobby", sagt Revikon-Chef Beitlich. Jede der Loft-Wohnungen wird einen Garten und einen Zugang zu einem Bachlauf haben. Die Motorenwerft (Gebäude 47) steht am Südende des neuen Wohngebiets an der Straße Stolzenmorgen. Nebenan ist das Arbeitsmedizinische Zentrum der medical airport service GmbH untergebracht.

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