Impf-Skeptiker verunsichern mit Flugblättern ältere Menschen in Kleinlinden. 	 SYMBOLFOTO: SCHEPP
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Impf-Skeptiker verunsichern mit Flugblättern ältere Menschen in Kleinlinden. SYMBOLFOTO: SCHEPP

Corona-Impfung

Fakten-Check: Flugblätter schüren Angst vor der Corona-Impfung ‒ Was steckt wirklich hinter Aussagen?

  • vonSebastian Schmidt
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In Gießen-Kleinlinden wurden impfkritische Flugblätter verteilt und verunsicherten Anwohner. Der Virologe Friedemann Weber macht den Fakten-Check.

Gießen - Vergangene Woche haben einige Gießener in ihren Briefkästen Flugblätter der »Freiheitsboten« gefunden. Nicht zum ersten Mal. Die deutschlandweit agierende Gruppe schürt damit Ängste vor der Corona-Impfung. Vor allem ältere Menschen werden verunsichert. Diesmal landeten die Flyer in Kleinlinden. Einige Anwohner haben sich daher u.a. bei der Arztpraxis Greilich gemeldet und um Rat gefragt. »Sie waren total verunsichert«, sagt eine Sprechstundenhilfe. Mediziner Klaus Dieter Greilich sagt: »Ich halte das für gefährlich, was diese Corona-Lügner schreiben.«

So sieht das auch Friedemann Weber, der Leiter des Virologischen Instituts der Justus-Liebig-Universität. Für die GAZ macht Weber einen Fakten-Check der Aussagen des Flyers. Unterzeichnet ist der indes von Sucharit Bhakdi und Stefan Homburg. »Es wird auf dem Flyer verschwiegen, dass beide weder Virologe noch Epidemiologe sind«, sagt Weber. Bhakdi hat als Mediziner im Bereich der Mikrobiologie geforscht, Homburg ist Finanzwissenschaftler. »Beide sind wiederholt durch unhaltbare Falschaussagen und Desinformationen aufgefallen«, sagt Weber über die Initiatoren des Flyers.

Flugblätter gegen Corona-Impfung in Gießen: Kritik an Tempo der Entwicklung

»Diesmal sollen Covid-19-Impfstoffe eingesetzt werden, die innerhalb weniger Monate entwickelt wurden.«

Weber: Die Impfstoffe gegen SARS-CoV-2 konnten vor allem deswegen schnell entwickelt werden, weil die Projekte mit so viel Geld gefördert wurden, sodass Prozesse, die normalerweise hintereinander ablaufen, fast parallel gefahren werden konnten. Zudem wurden in den Phase-III-Studien so viele Probanden eingebunden, dass man rasch zu statistisch robusten Daten gekommen ist. Und nicht vergessen sollte man, dass die Impfstoffentwicklung gegen COVID-19 extrem hohe Priorität hat. Das alles ist bei anderen Impfstoffen nicht der Fall gewesen.

»Bei gesunden Freiwilligen zeigte sich, dass die Impfung teils heftige Nebenwirkungen auslöste.«

Weber: Die heftige Nebenwirkung auf den mRNA-Impfstoff ist eine sogenannte anaphylaktische Reaktion, die bei einigen wenigen Impflingen aufgetreten ist. Man nimmt an, dass dies auf den Inhaltsstoff PEG zurückzuführen ist. Aufgrund dieser seltenen Vorkommnisse wird bei Individuen, die mit einer schweren allergischen Reaktion auf PEG reagieren, die Impfung nicht empfohlen.

Flugblätter gegen Corona-Impfung in Gießen: Vergleich mit Schweinegrippe

»Der Impfstoff (Anmerkung der Redaktion: gegen Schweinegrippe) jedoch zerstörte zahlreiche Menschenleben, indem er Narkolepsie auslöste.«

Weber: Die Ursache für die seltenen Fälle von Narkolepsie nach der Impfung gegen die Schweinegrippe liegt im Grippevirus selbst. Der Impfstoff enthält ein Virusprotein, welches bei Menschen mit einem bestimmten genetischen Hintergrund eine solche Autoimmunreaktion hervorruft. Das Grippevirus produziert bei Infektion aber wesentlich höhere Mengen dieses Proteins, als der Impfstoff enthält. Der Zusammenhang zwischen Narkolepsie und Schweinegrippe-Impfung wurde durch statistische Analysen aufgedeckt, wie sie auch bei COVID-19 angewendet werden. Es sind mittlerweile rund 60 Millionen Impfungen gegen COVID-19 durchgeführt worden, ohne dass so etwas beobachtet wurde.

»Am Ende stellte sich die Schweinegrippe als eine der harmlosesten Grippewellen aller Zeiten heraus.«

Weber: Die Schweinegrippe hat unter Erwachsenen mindestens achtmal härter zugeschlagen, als die »normalen«, sogenannten saisonalen Grippewellen. Über die Verharmlosung von COVID-19 muss man angesichts von Massengräbern und überlasteten Krematorien in den betroffenen Gebieten keine weiteren Worte verlieren.

»Freiheitsboten Gießen«

Im Dezember zählte das Recherche-Kollektiv Correctiv deutschlandweit 400 regionale Ableger der »Freiheitsboten« mit mehr als 23 300 Mitgliedern in ihren Chat-Gruppen. Auch in Gießen gibt es einen Ableger. Die »Freiheitsboten Gießen« haben laut Webseite der Freiheitsboten 123 Mitglieder in ihrer Chat-Gruppe auf Telegram.

»Es werden Ihnen Virusgene gespritzt.«

Weber: Die meisten antiviralen Impfungen beinhalten Gene. Entweder es sind spezifische Gene wie der »Spike« (Stachel) bei den mRNA-Impfstoffen oder dem Vektorimpfstoff von Astra-Zeneca, oder es werden abgeschwächte ganze Erreger verwendet, die das komplette Arsenal an Virusgenen besitzen. Bei jeder Virus-Infektion, auch wenn es nur ein Schnupfen ist, gelangen ungleich höhere Mengen an Genen in den Körper, als es bei einer Impfung der Fall ist.

Impfstoff nicht notfallzugelassen, wie es Flugblätter gegen Corona-Impfung in Gießen behaupten

»Dieser Virologe und Impfexperte sagt, dass die Nebenwirkungen erst im Anschluss an die geplanten Notfallzulassungen beurteilt werden können, also erst, nachdem Millionen oder Milliarden Menschen geimpft worden sind.«

Weber: Das Zitat des Kollegen Stephan Becker wird missbräuchlich verwendet, denn die in der EU eingesetzten COVID-19-Impfstoffe sind eben nicht notfallzugelassen, sondern regulär zugelassen. Es wurde und wird selbstverständlich auf Nebenwirkungen hin untersucht. Hier zeigt sich einmal mehr die perfide Art der Impfgegner, durch sinnentstellende Zitate Ängste zu schüren.

»Weder gab es 2020 in Deutschland ungewöhnlich viele Sterbefälle, noch waren die Intensivstationen überlastet.«

Weber: Dass die Intensivstationen nicht wegen COVID19-Patienten überlastet wären, ist eine Falschaussage. Ein simpler Blick in seriöse Medien wie zum Beispiel Tageszeitungen oder Nachrichtenmagazine genügt, um zu sehen, dass hier mit dem Flyer Desinformation betrieben wird. Ebenso falsch ist die Behauptung, dass viele Erkrankungen ohne PCR-Test als COVID-19-Fälle gelten würden.

Flugblätter gegen Corona-Impfung ziehen Contergan-Vergleich

»Ältere erinnern sich noch an den Contergan-Skandal, als erst nach mehreren Jahren aufgedeckt wurde, dass dieses Schlafmittel zu Missbildungen bei Neugeborenen führte.«

Weber: So etwas wie der Contergan-Skandal aus den 1960er-Jahren, der wirklich ein unglaublicher Skandal war, wäre heute nicht mehr möglich. Sowohl Wissenschaft als auch Aufsichtsbehörden haben sich erheblich weiterentwickelt. (Sebastian Schmidt)

Sind Corona-Impfstoffe sicher? Was weiß man über Nebenwirkungen? Der Gießener Virologe Prof. Friedemann Weber beantwortet die wichtigsten Fragen zu den Impfstoffen.

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