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Zu Oliver Knussens "Masks" trug Flötistin Zupancic eine Hinterkopfmaske.

Flötenmusik trifft Philosophie

Ein musikalischer Bogen über die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde bei "Musik im Pausenraum" im Rathaus gespannt. Die Zuhörer genossen unter anderem sechs für Flöte solo geschriebene Stücke.

Das Adorno-Zitat "Mit Abstraktheit geschlagen" war nicht alles, was den gut 35 Zuhörern am Mittwoch im Rathaus geboten wurde - aber das Zitat des Soziologen und Philosophen Adorno steht doch für den leicht akademischen Hauch, der beim dritten Abend der "Musik im [Pausen]raum2"-Konzerte durch eben diesen Raum im Rathaus wehte. Flötistin Marie-Christine Zupancic und ihre Schwester, JLU-Musikwissenschaftlerin Julia Freund, spannten mit sechs für Flöte solo geschriebenen Stücken und passend dazu ausgewählten Ausschnitten aus Werken zur Musik- und Kunsttheorie einen Bogen über die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Zu Beginn hatte Freund hilfreiche Erläuterungen zur Geschichte des Instruments gegeben: vom pastoralen Idyll, das das Bild der Flöte noch bis ins frühe 20. Jahrhundert prägte, solle man sich verabschieden. Komponisten wie Berio oder Varèse seien eher an der Erforschung und Erweiterung der klanglichen Möglichkeiten als an thematischem Material interessiert gewesen. Varèses "Density 21,5" etwa beziehe sich auf die Dichte des für Flöten damals neuen Materials Platin. Dennoch wirkte das Stück mit seiner klassischen Intonation und Wiederholungen im Rahmen des Abends fast konventionell. Auch Murails "Unanswered Questions" war ruhig, und dank der Erläuterungen konnte man einige der typischen Viertel- oder Sechsteltonintervalle ausmachen. Das Werk des Briten Brian Ferneyhough, das dem Abend den Titel gab, bezog sich auf die mythologische Figur der Cassandra und präsentierte mit perkussiven Effekten unerwartete Flötenklänge. Zupancic bewegte sich zwischen zwei Notenpulten und somit zwischen notierten Vorgaben und Möglichkeiten freier und spontaner Ausgestaltung.

Nächstes Konzert am 22. Januar

Mit der Musik abwechselnde Ausschnitte, etwa aus Busonis "Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst" oder Nietzsches "Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik", boten Einblicke in historische Deutungsansätze, aber den Satzungetümen aus Adornos "Ästhetischer Theorie" und Lachenmanns "Musik als Abbild vom Menschen" konnten nur Menschen vom Fach folgen. Immerhin: Dass Komponieren eine Form des Suchens und Kunst das Versprechen sei, das gebrochen wird, blieb hängen.

Takemitsus "Voice" (1971) hatte mit überblasenen, gestoßenen und gehauchten Tönen sowie gesprochenen Sätzen den Abend eindrucksvoll (und alle Klischees Neuer Musik grandios erfüllend) eröffnet - eine Überschreitung der Grenze zur Performance beendete ihn nicht minder faszinierend: Zu Oliver Knussens "Masks" trug die Flötistin eine Hinterkopfmaske und bewegte sich gemäß den exakten Partiturangaben mit Gesten durch den Raum. Und so endete der in sich stimmige Abend im Nebenraum hinter der Bar, wohin die Flötistin entschwand, um dort ihr Spiel zu beenden. Das vierte Konzert der Reihe findet am 22. Januar statt.

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