Die Jazzformation JESK mit Andreas Jamin (Posaune), Michael Ehret (Drums), Dirk Kunz (Bass) und Christian Schiller (Gitarre). FOTOS: AXC
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Die Jazzformation JESK mit Andreas Jamin (Posaune), Michael Ehret (Drums), Dirk Kunz (Bass) und Christian Schiller (Gitarre). FOTOS: AXC

Fingernägel mit Acryllack

  • vonAxel Cordes
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Mit erneut hochkarätigen Gästen aus dem Raum Mittelhessen hat Autor und Kabarettist Dietrich Faber am Mittwoch bereits zum zweiten Mal seine "Corona Kultur-Show" durchgeführt. Die Bühne war im Forum der Volksbank-Zentrale in Gießen

Das Format "Kultur-Show" lässt am Ende fast zwangläufig den einen oder die andere leicht enttäuscht zurück. Manchen mag es zu wenig Gespräch gewesen sein, andere hätten wohl gerne mehr Musik am Stück gehört, bei der zweiten "Corona Kultur-Show" von Dietrich Faber und seinen Gästen im Forum der Volksbank Gießen. Sehr unterhaltsame anderthalb Stunden waren es aber in jedem Fall.

Dass der Sänger Fallou Sy nicht aus dem Senegal anreisen kann, ist zwar bedauerlich, aber der Auftritt des Fingerstyle-Gitarristen Michael Diehl ist dafür weit mehr als nur Ersatz. "Ihn als Gitarristen zu bezeichnen, ist eigentlich eine Untertreibung", stellt Autor, Talkmaster und Komödiant Faber zu Recht fest, denn der Braunfelser nutzt bei seinem Instrument nicht nur die Saiten, sondern trommelt auch auf Decke und Zarge. Die zwei Stücke, die er mit Bassist Peter Herrmann spielt, haben es in sich: Stevie Wonders "I Wish" mag wegen der Basslinie und dem unwiderstehlichen Rhythmus nahe liegen, aber Queens "Bohemian Rhapsody" ist eine echte Überraschung. Die ohne technischen Schnickschnack, aber mit viel Gefühl für die melodische Schönheit gespielte Version erntet begeisterten Applaus. Zwischendurch erfährt man dann in den Interviews noch mehr (manchmal auch weniger) Wissenswertes über die Künstler: dass Peter Herrmann durch Basslegende Jaco Pastorius inspiriert wurde oder dass Michael Diehl sich die Fingernägel seiner Zupfhand mit Acryllack härten lässt.

"Gießen zu Fuß"

Vor dem zweiten Hauptteil lässt Faber dann Marc Schäfer, den Leiter der Stadtredaktion dieser Zeitung, über sein im Oktober erscheinendes, gemeinsam mit Norbert Schmidt verfasstes Buch "Gießen zu Fuß" erzählen. "Bist du etwa Gießen-Fan?", fragt der selbst in Gießen geborene Faber den Journalisten - und erhältlich natürlich die gewünschte Antwort. Faber leitet den Abend souverän mit selbstironischem Charme - und erkennt selbst, dass er an seiner Interviewer-Rolle noch arbeiten muss: "Ich mache immer den Fehler, mir die Fragen selbst schon zu beantworten."

Glänzend sind indes der Ausschnitt aus einem Bröhmann-Roman über die Leiden des Sohnes am 83-jährigen Trainer der F-Jugend-Fußballmannschaft (in breitestem Vogelsberger Platt) und die Kolumne über ein gutes Gespräch trotz gegensätzlicher Ansichten über Corona - ein klares Bekenntnis gegen Verschwörungskrakeeler.

Der unter anderem von Captain Overdrive und The Small Easy bekannte Posaunist Andreas Jamin stellt seine jüngste Jazzformation JESK vor. Gemeinsam mit den Marburger Kollegen Michael Ehret (Drums), Dirk Kunz (Bass) und Christian Schiller (Gitarre) spielt er die bezaubernde Ballade "In Your Eyes" in einer Latin-Version und vier weitere, auch mal etwas kantigere, aber wunderbar zugängliche Stücke mit schönen Soli von Gitarre und Bass.

Das sommerlich-entspannte "Ich bin raus" ist nur offiziell das Ende der Veranstaltung. Mit einer etwas gekünstelten Überleitung bringt Faber Andreas Jamin, Peter Herrmann und Michael Diehl für eine knackige Version von "Mercy, Mercy, Mercy" auf die Bühne - und lässt es sich dann auch nicht nehmen, sein Alter Ego Manni Kreutzer als Schottener Westentaschen-Johnny Cash den "Aus Minus Blues" spielen zu lassen.

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