Die Kirche mitten im Dorf: Das Bild im Büro des langjährigen Caritasdirektors Joachim Tschakert hat eine besondere Bedeutung. FOTO: SCHEPP
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Die Kirche mitten im Dorf: Das Bild im Büro des langjährigen Caritasdirektors Joachim Tschakert hat eine besondere Bedeutung. FOTO: SCHEPP

Abschied aus Doppelspitze

Zwölf bewegte Jahre im Gießener Caritasverband

  • Karen Werner
    vonKaren Werner
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Der Gießener Caritasdirektor Joachim Tschakert ist Ende Mai aus seinem Amt altersbedingt ausgeschieden. Hier zieht er Bilanz.

Gießen(kw). Wie gern hätte er sich in großer Runde persönlich bedankt und mit Weggefährten gefeiert. Doch die Corona-Krise hat auch Caritasdirektor Joachim Tschakert einen Strich durch die Rechnung gemacht. Der 65-Jährige ist Ende Mai ohne Festakt in den Ruhestand gegangen. Im GAZ-Interview blickt er zurück auf zwölf bewegte Jahre als Teil der Doppelspitze des Caritasverbands Gießen.

Einerseits hat der Rosbacher ein konstantes Berufsleben hinter sich: Der katholische Wohlfahrtsverband war immer sein Arbeitgeber. Andererseits hat er regelmäßig die Stellen gewechselt, um nicht in Routine zu verfallen. "Ich war nirgends so lange wie in Gießen."

Tschakert wuchs in Frankfurt auf und war von klein auf in der Kirchengemeinde aktiv. Die Eltern waren "gläubig, aber nicht verbappt", umschreibt er auf hessisch deren Toleranz. Auch der junge Mann blickte bewusst über den Tellerrand. Nach dem Zivildienst in einem Caritas-Kinderheim in Hofheim studierte der Katholik Sozialpädagogik an der Evangelischen Fachhochschule in Darmstadt.

Nebenbei und nach dem Abschluss arbeitete er hauptberuflich in Caritas-Kinderheimen, stieg auf zum Heimleiter und Abteilungsleiter. Aus Frankfurt wechselte er nach Limburg als stellvertretender Diözesancaritasdirektor sowie Leiter des Geschäftsbereichs Träger. Anfang 2009 kam er nach Gießen als Nachfolger von Bernhard Brantzen.

Gemeinsam mit Caritasdirektorin Eva Hofmann führte er den 750 Mitarbeiter starken Bezirksverband, der Menschen von der Kita bis zum Altenheim unterstützt. Eine erste Hauptaufgabe war die wirtschaftliche Konsolidierung. Nötig war ein größeres Kostenbewusstsein: "Pädagogen müssen die Sprache der Finanzen lernen." Zugleich gelte es hohe Qualität zu halten und einen Abbau des Sozialstaats zu verhindern, etwa in Verhandlungen um höhere Entgelte. Investiert werden musste auch in Gebäudesanierungen.

Die größte Herausforderung seiner Amtszeit wurde die Betreuung junger Flüchtlinge. Seit 2010 war bei der Gießener Caritas die "Clearingstelle" eingerichtet, die Erstunterbringung für sämtliche unbegleitete Jugendliche, für die Hessen zuständig war. Im Jahr 2015 stieg die Zahl der Neuankömmlinge sprunghaft an. Bis zu 315 Minderjährige gleichzeitig galt es unterzubringen.

"Irre, was da geleistet wurde", sagt Tschakert nicht nur mit Blick auf die Einsatzbereitschaft der eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Quasi ganz Gießen zog an einem Strang - vom Jugendamt bis zum Roten Kreuz, das kurzfristig das knappe Gut Betten zur Verfügung stellte. Aber auch außerhalb von Krisen gelte: Die ungewöhnlich gute Zusammenarbeit der sozialen Akteure in Gießen genieße überregional einen hervorragenden Ruf.

Gießen ist berühmt für soziales Netz

Wie fordernd das Jahr 2015 war, merkte der Caritasdirektor am eigenen Leib: "Ich bin bei einer Konferenz in Ohnmacht gefallen und habe im Krankenhaus eine Woche nur geschlafen."

Der Einsatz hat sich gelohnt, Bis heute hält Tschakert Kontakt zu einigen ehemaligen Flüchtlingen. Die meisten haben sich erfolgreich integriert, etwa als Altenpfleger. "Manche landen aber auch im Knast. Es ist wie bei Deutschen auch: Es gibt so ’ne und so ’ne."

"Ich bin kein Sozialromantiker", sagt der bodenständige Eintracht-Fan, aber: "Ich mag Menschen." Er setze auf Respekt und "professionelle Nähe". Seinen Führungsstil beschreibt er als "barmherzige Klarheit. An der Wand seines Büros hängt ein Bild, das ihm Limburger Kollegen zum Abschied schenkten. Es illustriert einen Satz, den Tschakert mitunter sagte, wenn Debatten seiner Meinung nach abzuheben drohten: "Lasst doch die Kirche im Dorf." Er lacht viel: "Die frohe Botschaft muss man mit Freude verkünden." "Ich habe immer wieder mit ganz tollen Menschen arbeiten dürfen", sagt Tschakert. Bei Eva Hofmann und seinem Nachfolger Ulrich Dorweiler - der bereits im Januar als Caritasdirektor eingeführt wurde - weiß er den Verband in guten Händen.

Eigentlich wollte der frischgebackene Opa die erste Phase des Ruhestands - seine Frau ist noch berufstätig - mit einer Motorroller-Tour Richtung Barcelona und Sevilla genießen. Nun wird er sich wohl stattdessen in seiner Motorradwerkstatt beschäftigen. Anfragen für Ehrenämter hat er zunächst abgelehnt, er wünscht sich erst einmal eine Atempause. "Ich kann mir aber gut vorstellen, für Caritas International zu werben oder wieder einige Vormundschaften zu übernehmen."

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