Alle Hände voll zu tun haben die Gießener Apotheker am Dienstag - hier Mira Sellheim (l.) - mit der Ausgabe der kostenlosen FFP2-Masken.
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Alle Hände voll zu tun haben die Gießener Apotheker am Dienstag - hier Mira Sellheim (l.) - mit der Ausgabe der kostenlosen FFP2-Masken.

FFP2-Masken

Gießen: Kostenlose Masken - Warteschlangen und beschimpfte Apotheker

  • Marc Schäfer
    vonMarc Schäfer
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Auch in Gießen hat am Dienstag die große Verteilaktion von kostenlosen FFP2-Masken an Personen über 60 Jahre und bestimmte chronisch Kranke begonnen. In der Innenstadt bildeten sich Warteschlangen. Manche Apotheker wurden sogar beschimpft, weil sie zeitweise keine Masken mehr hatten.

»FFP2-Maske ist auf jeden Fall mein Unwort des Jahres«, sagt Mira Sellheim. Sie lacht, doch es ist ihr durchaus auch ernst. Seit vergangener Woche frage jeder zweite Kunde in ihrer »Apotheke am Ludwigsplatz« schon nach den FFP2-Masken, die seit dem gestrigen Dienstag laut einer entsprechenden Verordnung des Bundesgesundheitsministeriums in ganz Deutschland über Apotheken an rund 27 Millionen Bürger aus Corona-Risikogruppen verteilt werden sollen.

Bis zum 6. Januar können sich Menschen über 60 Jahre und Personen mit bestimmten chronischen Erkrankungen drei Masken gratis in einer Apotheke abholen. In einem ersten Schritt muss jede der knapp 19 000 Apotheken im Land im Schnitt rund 1500 Patienten versorgen. Ab 1. Januar soll die Versorgung dann über Coupons der Krankenkassen organisiert werden.

Der schlimmste Tag des Berufslebens

Schon am Montagabend schwante Sellheim Böses. »Ich schätze, es wird morgen eine Katastrophe«, sagte die Apothekerin. Ganz so schlimm kam es am Dienstag bei ihr dann zwar nicht, der befürchtete Pulk von Menschen vor und im Ladengeschäft blieb aus, dennoch sei es zum Teil »ein bisschen chaotisch« geworden. »Wir hatten wesentlich mehr Andrang als sonst, die meisten Kunden waren keine Stammkunden«, sagte Sellheim gegen 11.30 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt war ihr Vorrat von gut 300 Masken bereits aufgebraucht. Nachschub war erst für den Nachmittag avisiert.

In den wenigsten Apotheken dürfte der Vorrat am Dienstag ausgereicht haben, um die Nachfrage befriedigen zu können. Schon in den Morgenstunden beschwerten sich Menschen aus Stadt und Landkreis unter anderem in den sozialen Medien, dass sie mit leeren Händen nach Hause geschickt worden seien. »Für mich war heute der schlimmste Tag meines bisherigen mehr als 30-jährigen Berufslebens«, sagte die Angestellte einer Apotheke in der Fußgängerzone, in der es für gut 90 Minuten zum Engpass gekommen war. »Wir sind beschimpft worden. Es war die Hölle.« Bis zur Mittagszeit seien bereits gut 100 Kunden wegen FFP2-Masken in der Apotheke gewesen. »Maske, Maske, Maske. Ich höre nur noch Maske. Die erste Frau hat bereits vor der Öffnung angerufen und gebeten, ihr die Masken nach Hause zu bringen.« In anderen Apotheken seien Kunden indes wiederum sehr entspannt und verständnisvoll gewesen, als die Schutzmasken kurzzeitig ausverkauft gewesen sind.

Auch in der Goethe-Apotheke war der Ansturm groß. »Zwischen 500 und 600 Masken« seien dort bis zur Mittagszeit weggegangen. Bislang habe so gut wie keiner eine solche Maske haben wollen, jetzt seien die Menschen wie verrückt danach, hieß es dort. Auch vor der Engel- und der Pelikan-Apotheke am Marktplatz hatten sich gegen 13.30 Uhr Warteschlangen gebildet. Die Engel-Apotheke hatte sogar einen eigenen Ausgabepunkt für Masken aufgebaut, die dort augenzwinkernd als »Spahn-Masken« bezeichnet wurden. »Hier sind in der ersten Stunde etwa 50 Kunden gewesen. Einige Apotheken sind regelrecht überrannt worden«, erklärte der Apotheker am Ausgabeschalter.

Kritik an Minister Spahn

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hatte u. a. dafür gesorgt, dass die Ausgabe der Masken über die Apotheken erfolgt. Grundsätzlich sei das auch kein Problem, sagte Sellheim. Sie habe sich aber nicht nur mehr Vorlauf gewünscht, sondern auch ein anderes Procedere. »Wir haben am letzten Donnerstag erfahren, dass wir ab Dienstag Masken verteilen sollen, am Freitag dann, dass wir sie selbst besorgen und in Vorkasse treten müssen - und bis heute morgen war die endgültige Regelung noch nicht einmal veröffentlicht«, fasst Sellheim ihre Kritik zusammen. Andere Apotheker beklagten die »unkontrollierbare Herausgabe«, da sich über 60-Jährige bloß mit ihrem Personalausweis ausweisen müssen, um Masken zu erhalten. Ob manche Kunden mehrere Apotheken ansteuern, wird nicht überprüft. »Was da im Galopp verloren wurde, müssen wir nun aufsammeln. Wir versorgen die Menschen gerne, denn es ist unser Beruf, aber Spahn mutet uns schon eine Menge zu«, sagte Sellheim, die selbst eine geregelte Bevorratung der Apotheken aus dem Bundesbestand und über den pharmazeutischen Großhandel favorisiert hätte.

Die Finanzierung der Masken, die die Apotheker stattdessen selbst kurzfristig und in einem angespannten Markt erwerben mussten, erfolgt über einen Pauschalbetrag aus dem Nacht- und Notdienstfonds der Apotheker, der sich nach dem Umsatz im dritten Quartel richtet. Für Sellheim bedeutet das, dass sie bis 6. Januar eigentlich nur 750 Kunden mit Masken versorgen kann. Bei jeder weiteren Maske, die sie an Kunden herausgibt, lege sie drauf. »Wir machen es natürlich trotzdem, weil es unserer Berufsethik entspricht. Ich hoffe, dass alle Kollegen das so sehen und sich solidarisch verhalten.«

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