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Wortgewaltig und experimentierfreudig: Tilman Döring (l.) und Stefan Dörsing.

Feuerwerk mit Seitenhieben

  • VonBarbara Czernek
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Gießen (bac). Stefan Dörsing und Tilman Döring, das »Dream-Team« des Poetry Slam, sind wieder da. Am Dienstag traten sie mit einem Feuerwerk an Sprachkunst im Kleinformat im Rahmen der Veranstaltungsreihe »NeuGIerig« auf. Für das von der Gießen Marketing GmbH organisierte Event wurde die überdachte Halle im ehemaligen Schlachthof mit einer kleinen Bühne und Stuhlreihen bestückt:

Alle 50 erlaubten Plätze waren besetzt.

Dörsing und Döring, die sich schon seit ewigen Tagen kennen, freuten sich sichtlich, wieder vor Publikum auftreten zu können. In Gießen und darüber hinaus sind sie durch den Wettbewerb »Poetry Slam Champions« bekannt, den sie regelmäßig veranstalten. Am Dienstag war dies anders: Kein Wettbewerb, sondern »nur« das Vortragen ihrer eigenen Texte und Kreationen. Daraus wurde ein 90-minütiges, sprachliches Feuerwerk vom Feinsten. Natürlich durften die beliebten Seitenhiebe auf die 30 Kilometer entfernte Universitätsstadt Marburg nicht fehlen, die anschließend aber wieder durch die Charakterisierung Gießens relativiert wurden. »Gießen ist der Baumarkt unter den Städten: Gießen ist praktisch, kernig und alles an seinem richtigen Platz.«

Für die nötige Leichtfüßigkeit der teilweise sehr ernsthaften Inhalte hatte der kreative Tausendsassa Döring die Coronazeit genutzt, um Ukulele zu lernen und um sich und seinen Freund und Kumpel Dörsing zu begleiten. »Wenn jemand kein Instrument kann, dann empfehle ich die Ukulele, da braucht man nur zwei Griffe und kann sofort spielen«, witzelte er. Aber auch manche Stolperfalle lag bereit. So verhaspelte Döring sich zwei Mal beim einem Gedicht, das er schon länger nicht mehr vorgetragen hatte. Als er nicht weiterkam, brach er ab und nahm sich den nächsten Text vor: That’s live! Das lange Nichtauftreten vor Publikum forderte seinen Preis. Die Zuschauer nahmen es verständnisvoll und gelassen auf. Sein Kollege Stefan Dörsing war da etwas vorsichtiger und nahm lieber ein Stück Papier als Gedächtnisstütze zu Hilfe. Für ihre Wortspielereien auf höchstem Niveau und für so unvergleichlich durchkomponierte Sätze wie »Sei Dir bewusst, dass Du anders bist« liebt sie das Publikum, und das zu Recht, denn in dieser scheinbaren Leichtigkeit der fast schnodderig dahingeworfenen Sätze steckt so viel Tiefgründigkeit, dass manchem das Lachen darüber im Hals stecken bleibt.

Einen Sonder-Applaus gab es für Dörsings Einlage als lebende Soundmaschine. Und wenn das mit der Ukulele und Gesang gepaart wurde, dann war die Performance einfach 100 Prozent »Dörsig und Döring« - immer wieder sehens- und hörenswert.

Das Format »NeuGIerig« wurde - coronabedingt - zunächst rein digital veranstaltet, um Künstlern überhaupt eine Auftrittsmöglichkeit zu ermöglichen. Mittlerweile sind wieder Live-Auftritte möglich. Am Dienstag, 10. August, um 19 Uhr findet die nächste Folge statt: Die drei Autoren Marco Rasch, Markus Reitzenstein und Daniel Schneider lesen in der Weinhandlung »trocken und lieblich« (Ludwigstraße).

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