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Brand in Gießen: Feuer zerstört historischen Hörsaal von Justus Liebig - 100.000 Euro Schaden

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Von: Marc Schäfer

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Ein Feuer hat am Montag (5. Dezember) den historischen Hörsaal von Justus Liebig zerstört. Die Brandursache ist noch unklar.

Gießen - Am Dienstagmittag (6. Dezember) stehen die Fenster zum Hörsaal im Liebig-Museum in Gießen offen und ermöglichen einen Blick auf die Katastrophe. Ein Feuer hat am Montagabend, 5. Dezember, gegen 21.30 Uhr das Historische Auditorium des Liebig-Laboratoriums in Teilen zerstört sowie das analytische und pharmazeutische Labor und die Bibliothek in Mitleidenschaft gezogen hat. »Wir sind schockiert«, schreiben Prof. Dr. Gerd Hamscher und Prof. Dr. Richard Göttlich, 1. und 2. Vorsitzender der Justus-Liebig-Gesellschaft, in einer ersten Stellungnahme.

Während die anderen Räume hauptsächlich durch die starke Rußentwicklung zu Schaden gekommen sind, ist nur der Hörsaal direkt von dem Feuer betroffen. Dort ist der vordere Bereich samt Experimentiertisch Raub der Flammen geworden. Dass die Schäden nicht noch größer sind, sei dem umsichtigen Handeln der Mieterin zu verdanken, die in dem Gebäude wohnt. Sie habe die Feuerwehr schnell alarmiert. »Wir sind ihr sehr dankbar. Und auch der Feuerwehr, durch deren raschen und großartigen Einsatz Schlimmeres verhindert werden konnte«, heißt es in der Mitteilung.

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Das Historische Auditorium von Justus Liebig ist am Montagabend von den Flammen zerstört worden. © Marc Schäfer

Liebig-Museum Gießen: Brand in historischem Hörsaal - Schaden auf 100.000 Euro geschätzt

Zu den Schäden und den erforderlichen Maßnahmen zur Wiederherstellung könne die Liebig-Gesellschaft, solange die Brandermittlungen noch nicht abgeschlossen sind, keine Auskunft geben. Laut Polizei-Sprecher Jörg Reinemer liegen keine Hinweise auf eine vorsätzliche Brandstiftung vor. Die Brandermittler des Landeskriminalamts werden am Donnerstag vor Ort erwartet, um die Brandursache herauszufinden. Den Schäden schätzt die Polizei auf 100.000 Euro.

Wenige Stunden bevor das Feuer ausgebrochen ist, hatte im Hörsaal noch die beliebte Experimentalvorlesung für Familien stattgefunden. Dies war wohl für längere Zeit die letzte Veranstaltung in den historischen Räumen, denn aufgrund der Schäden muss das Museum natürlich bis auf Weiteres geschlossen bleiben. Alle Veranstaltungen sind abgesagt. Tickets können dort zurückgegeben werden, wo sie gekauft wurden.

Liebig-Museum in Gießen: Ringen um Status als Weltkulturerbe

Das Liebig-Museum, das im Corona-März 2020 sein 100-jähriges Bestehen groß feiern wollte, ist ein Ort, der Geschichte atmet. Die es betreibende Liebig-Gesellschaft engagiert sich schon seit Jahren dafür, dass das Museum eines Tages als Weltkulturerbe anerkannt wird. Denn es ist weltweit einer der wenigen Originalschauplätze für die naturwissenschaftliche Entwicklung im 19. Jahrhundert und zeigt nahezu unverändert, wie dort einst der Chemiker Justus Liebig von 1824 an 28 Jahre lang forschte und lehrte. Das Liebig-Museum wird weltweit zu den zehn wichtigsten Museen für die Geschichte der Chemie gezählt. Das Gebäude selbst steht unter Denkmalschutz.

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So sah der Hörsaal vor dem Brand aus: Original so, wie damals Mitte des 19. Jahrhunderts, als Justus Liebig dort Studenten unterrichtete. © Oliver Schepp

Durch seine bahnbrechenden Lehrmethoden und wissenschaftlichen Veröffentlichungen erlangte Justus Liebig Weltruhm. Um mehr Platz im ehemaligen Kasernenbau in der Liebigstraße zu schaffen, wurde auf Drängen des Gießener Universitätsprofessors der jetzt vom Feuer betroffene einstöckige Anbau 1839/40 mit einem Hörsaal für bis zu 80 Studenten und zwei Laboratorien errichtet. Nachdem Liebig 1852 einem Ruf nach München gefolgt war, wurde sein Gießener Labor zunächst weiter genutzt, drohte aber, als die Universität 1898 in der Ludwigstraße ein neues Labor erhielt, zur Ruine zu werden. Dank des Einsatzes des Geheimen Medizinalrats Prof. Robert Sommer, der sich ab 1909 für den Erhalt des Laboratoriums einsetzte, konnte das Gebäude gerettet werden.

Brand in Justus-Liebig Hörsaal in Gießen: Bürgermeister sieht sich Verwüstung an

Der Industrielle Dr. Emanuel August Merck kaufte der Stadt den Bau für 60.000 Mark ab und machte ihn der neu gegründeten »Gesellschaft Liebig-Museum« zum Geschenk. Am 26. März 1920 wurde das Museum im Laboratorium eröffnet, musste aber schon bald nach Beginn des Zweiten Weltkrieges wieder geschlossen werden. Das Haus diente vorübergehend als Arbeits- und Wohnort für Ämter und Privatpersonen und bei den alliierten Bombenangriffen Ende 1944 wurde vor allem der vordere Teil des Gebäudes stark beschädigt. Dank vieler Spender aus Universität und Industrie konnte es am 1. Juli 1952 wiedereröffnet werden.

Auch nach dem Feuer vom Montag ist das Museum auf Spenden (Kasten) angewiesen. Für den Magistrat der Stadt hat Bürgermeister Alexander Wright, der am Montag selbst vor Ort war und die Verwüstung in Augenschein genommen hat, der Liebig-Gesellschaft bereits grundsätzliche Unterstützung zugesagt. (Marc Schäfer)

An der Justus-Liebig-Universität Gießen sollten Hausmeister und Reinigungskräfte das Energiesparverhalten ihrer Kollegen überprüfen. Sie fühlten sich durch die »Bitte« in die Rolle von Denunzianten gepresst.

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