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Festivals in Gießen: Spaß für die einen, Lärmbelästigung für die anderen

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Von: Kays Al-Khanak

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Bei vielen Festivals in Gießen ging es laut zur Sache.
Bei vielen Festivals in Gießen ging es laut zur Sache. © Oliver Schepp

Für die einen in Gießen waren »Stadt ohne Meer«, der Kultursommer oder das Hokus Pokus FestiWelt die Höhepunkte des Jahres, für andere das reinste Ärgernis.

Gießen - Ein lauer Freitagabend in einem langen Sommer. Auf dem Schiffenberg stehen 5000 Menschen eng an eng. Sie schwitzen, hüpfen und tanzen sich beim Kultursommer die Seele aus dem Leib. Als der Sänger der Düsseldorfer Punkband Broilers, Sammy Amara, sein »Woho-ho-ho-ooh« ins Mikrofon brüllt, wissen diese 5000 Menschen genau, was sie zu tun haben: Sie schreien »Ist da jemand! Jemand da draußen! Der so fühlt wie ich!« in den Nachthimmel. Ja, es gibt die, die so fühlen wie diese Musikfans. Es gibt aber auch jene, die die Begeisterung für Veranstaltungen wie den Kultursommer, das Hokus-Pokus-Festival oder für Feiern am Uni-Hauptgebäude nicht teilen wollen. Weil die Musik für sie zu laut ist oder sie sich über den Müll ärgern, den Feiernde vor Ort hinterlassen.

Einer von ihnen ist ein Anwohner aus Petersweiher. Sein Name ist der Redaktion bekannt, aber er sieht seinen Ärger nicht als Einzelmeinung, sondern die Nachbarschaft hinter sich. Sie könnten die Begeisterung für die Konzerte auf dem Schiffenberg nicht teilen, sagt er. »Die Amateurveranstaltungen oben am Kloster stören nicht.« Das Problem seien die Profis. »Stundenlange Soundchecks ab 14 Uhr, da ist an Homeoffice nicht zu denken«, sagt er.

Sommerfestivals in Gießen: Lärmbelästigung und gestresste Wildtiere

Hinzu kämen Lärmbelästigungen während des gesamten Festivals - und eine »permanente Überschreitung« der erlaubten Dezibelzahlen nach 22 Uhr, sagt der Mann. Zu den Veranstaltungen werde halb Petersweiher zugeparkt - obwohl es den kostenlosen Shuttlebus vom Philosophikum gibt. Und für die rund um den Schiffenberg lebenden Wildtiere sei die »Beschallung« auch kein Vergnügen.

Der Mann aus Petersweiher ärgert sich auch darüber, dass er oft versucht habe, mit dem Ordnungsamt über das Thema zu sprechen, aber Mitarbeiter kaum erreichbar gewesen seien. Hier wird deutlich: Städte sind in solchen Sommern besonders gefordert: Auf der einen Seite sind dort die Bürger, die ihren Ärger loswerden wollen und von der Behörde erwarten, tätig zu werden. Auf der anderen Seite gibt es das Bedürfnis von Menschen, zu feiern und erstklassige Kulturangebote wahrzunehmen.

Lärmbelästigung bei Festivals in Gießen. „Je größer die Veranstaltung, desto mehr Kontrolle“

Beschwerden wie die des Mannes aus Petterweil sind natürlich kein Einzelfall, sondern kommen immer vor, wenn es Veranstaltungen - nicht nur - unter freiem Himmel gibt. Auch die Redaktion erreichen regelmäßig solche Hinweise - zum Beispiel nach Festen im Stadtpark, aber auch nach spontanen Partys an der Lahn.

Die Beschwerden, sagt die Sprecherin der Stadt, Claudia Boje, hätten sich auf einem ähnlichen Niveau wie vor der Coronazeit bewegt. Die mehrjährige Pause hat also nicht für eine erhöhte Sensibilität gesorgt. Die meisten Beschwerden bezogen sich auf die Lautstärke. Wie Boje sagt, seien alle größeren Veranstaltungen kontrolliert worden - »je größer und intensiver die Veranstaltung, desto mehr Kontrollen«. Diese fänden auch an vorgegebenen Messpunkten wie an einem der Lärmquelle am nächsten gelegenen Wohnungsfenster statt.

Gießen: Veranstalter halten sich überwiegend an gesetzliche Lärmgrenzen

Die Messungen hätten ergeben, dass sich die Veranstalter überwiegend an die gesetzlichen Vorgaben hielten, »auch wenn es dem einen oder anderen Anwohner anders vorkam«, betont Boje. »Die gesetzlichen Regelungen sehen keine ›absolute Ruhe‹ für die Anwohnenden vor. Die bloße Wahrnehmung von Musik oder Bässen hat der Gesetzgeber als zumutbar definiert, solange die Lärmgrenzwerte nicht überschritten werden.«

Um mögliche Belastungen von Anwohnern gering zu halten, wird im Vorfeld darauf geachtet, dass die Lautsprecher Gebiete beschallen, in denen keine oder zumindest wenig Leute wohnen. Außerdem gibt die Stadt den Veranstaltern Lärmgrenzwerte vor und fordert diese dazu auf, Lärm zu messen und darüber Protokolle zu führen. Die müssen später dem Ordnungsamt vorgelegt werden. Davon unabhängig misst das Ordnungsamt selbst, um dann eingreifen zu können - und um zu kontrollieren, ob die vom Veranstalter genannten Werte mit der Realität übereinstimmen. Außerdem, sagt Boje, versuche die Stadt zwischen Veranstaltern und Beschwerdeführern zu vermitteln. Wenn sich der Veranstalter nicht an bußgeldbewährte Vorgaben hält, wird er zur Kasse gebeten.

Gießen: Stadt schränkt Partys auf Platz vor Uni-Hauptgebäude stark ein

Bei der Frage der Vermüllung und der Lärmbelästigung bei spontanen Partys hat die Stadt eine Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche ausprobiert. Die abendliche Nutzung des Platzes vor dem Uni-Hauptgebäude zum Beispiel hat die Hochschule in Zusammenarbeit mit den Behörden stark eingeschränkt, ein Nachtbürgermeister soll zukünftig ein bisschen Ordnung ins Partyleben bringen.

Gerade was Open-Air-Konzerte angeht, war Gießen für Jahrzehnte ein weißer Fleck auf der Deutschlandkarte. Dabei haben hier schon viele Hochkaräter gespielt. Herbert Grönemeyer und Joe Cocker traten im Waldstadion auf; Tina Turner spielte dort 1987 vor 28 000 Besuchern - von wegen Private Dancer. Wer es ein weniger mainstreamig mochte, für den war das Line-Up des Bizarre-Festivals 1991 ein Traum: New Model Army! Pixies! Bad Religion! Iggy Pop!!!

Doch gerade das Bizarre-Festival muss wohl ziemlich traumatisch für Gießen gewesen sein. Denn danach war erstmal Schluss mit Open-Air-Hochgefühlen in der Stadt. Für die über 25 000 verkauften Karten gab es während des zweitägigen Festivals nur 5000 Zeltplätze. Das sorgte wenig überraschend für Chaos in der Stadt, weil die Besucher zelteten, wo sie wollten - wohl auch auf Verkehrsinseln. Um diese chaotischen Verhältnisse zu beenden, hatte die Polizei zum Beispiel Wiesen beschlagnahmt und als Zeltplätze ausgewiesen.

Festivals: „Gießen positioniert sich erfolgreich als lebendige und urbane Stadt“

Abgesehen von der MTV Campus Invasion im Jahr 2005 auf dem Kugelberg mit Adam Green, Bloc Party oder Wir sind Helden herrschte viele Jahre Stille auf der Festivalfront. Dass dies vorbei ist, begrüßt die Stadt ausdrücklich. 2016 fand der erste Gießener Kultursommer mit Rock- und Popbands statt. Ein Jahr später folgte das Elektro-Festival Amen, 2019 Stadt-ohne-Meer von OK Kid mit Indie und HipHop und seit diesem Jahr das Hokus-Pokus mit Rapszene-Größen.

»Diese Festivals bedienen sehr unterschiedliche Musikrichtungen, sodass von einem erfreulich umfassenden Angebot gesprochen werden kann«, sagt Boje. Die Festivals, betont die Sprecherin, passten gut zu Gießen - auch wegen der überproportional hohen Anzahl an Studierenden. »Dem Image der Stadt als Kulturstadt tun diese Festivals ausgesprochen gut, Gießen wird seiner Rolle als Oberzentrum gerecht und positioniert sich erfolgreich als lebendige und urbane Stadt«, betont Boje.

Gießen: Events sind wichtiger Imagefaktor, gerade für junge Menschen

Dies unterstreicht auch Jens Ihle, Geschäftsführer des Regionalmanagement Mittelhessen. »Ein lebendiger Standort braucht ein lebendiges und urbanes Angebot«, sagt er. Kunst, Kultur und Sport seien der »emotionale Pulsschlag einer Region«. Dazu gehörten Szenekonzerte wie das Stadt-ohne-Meer-Festival genauso wie eine breit aufgestellte Veranstaltungsreihe wie der Kultursommer.

Solche Events prägten das Bild eines Standorts und seien ein bedeutender Imagefaktor gerade für junge Menschen, für Arbeitgeber und Talente, für Familien und Hochschulen. »Das Schlimmste, was einer Region in diesem Zusammenhang passieren kann, ist es, wenn es dort langweilig ist«, betont Ihle. Mit Blick auf den Festivalsommer in Mittelhessen sagt er: »Zeigen Sie mir nur eine Region, die so bekannte Namen im Konzertjahr 2022 präsentieren konnte.«

Und was sagen die Veranstalter? Shadi Souri zum Beispiel, Kopf hinter der Pizza Wolke und nun auch unter die Rap-Event-Organisatoren gegangen, spricht von 10 000 Besuchern an drei Tagen, die Anfang September das Hokus-Pokus-Festival besucht haben. Er berichtet von leergekauften Supermärkten in der Umgebung und ausgebuchten Hotels. Und er will weitermachen. Es ist davon auszugehen, dass Gießen weiterhin eine Heimat für Festivals sein wird - zumindest solange es keine Wildcamper in Vorgärten oder auf Verkehrsinseln gibt. (Kays Al-Khanak)

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