Festivals und Freunde fehlen

  • Christoph Hoffmann
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Es gibt keine Lebensphase, in der Freunde so wichtig sind wie in der Jugend. Die Corona-Krise beschneidet das Leben junger Leute daher besonders stark. Das trifft auch auf Leo Ihle zu. Der 16-Jährige muss sich von vielen Plänen verabschieden. Dabei sollte 2020 ein ganz besonderes Jahr für ihn werden.

Mit den Freunden nach Berlin. Und mit allen zusammen nach Frankfurt auf ein Festival. Mit der Familie nach Madeira, das hatte Leo Ihle auch noch auf dem Zettel. Doch seit Corona sind all diese Pläne geplatzt. Stattdessen sitzt der 16-Jährige seit Wochen zu Hause und trauert den verpassten Möglichkeiten hinterher. "Ich habe das Gefühl, ganz viele essenzielle Dinge zu verpassen."

"Die Jugend ist etwas Wundervolles. Es ist eine Schande, dass man sie an Kinder vergeudet." Dieses Zitat des irischen Schriftstellers George Bernard Shaw geben Ältere gerne zum Besten. Vor allem jene, die nicht zufrieden damit sind, wie sie ihr Erwachsenenleben gestaltet haben. Dabei ist Shaws Aussage Quatsch. Nur junge Menschen haben die Unbeschwertheit und notwendige fehlende Weitsicht, um aus dieser Lebensphase ein Abenteuer zu machen. Und sie wissen das auch durchaus zu schätzen. Oder, anders formuliert: Sie wissen, was ihnen derzeit entgeht.

Soziale Medien kein Ersatz

Für Jugendliche ist die Isolation besonders schwer. Ihr Alltag, ihr Rhythmus ist verschwunden. Und im Gegensatz zu vielen Erwachsenen durchleben sie die Krise nicht gemeinsam mit einem Partner, sondern mit den Eltern. Leo will nicht falsch verstanden werden, er versteht sich gut mit Mutter und Vater. Trotzdem würde er sich freuen, nach Wochen auch mal wieder andere Menschen zu sehen und zu sprechen.

"Für viele in meinem Alter ist das Coronavirus eine krasse Umstellung", sagt Leo. Denn entgegen manch Erwachsenenmeinung würden Jugendliche heutzutage längst nicht nur am Smartphone oder vorm Computer hocken. Klar verbringe er derzeit viel vor dem Bildschirm, "sonst hätte ich mich wohl schon zu Tode gelangweilt", sagt er. Die sozialen Medien könnten die sozialen Kontakte im echten Leben jedoch nicht ersetzen. Sie seien bestenfalls eine kleine Hilfe, es irgendwie durch den Tag zu schaffen.

#stayathome sehr ernst genommen

"Ich bin ein Mensch, der oft draußen ist", betont Leo. Er treibe gerne Sport und treffe sich mit Freunden, zum Beispiel an der Lahn. Auf das und vieles andere verzichtet der 16-Jährige derzeit. Denn #stayathome nimmt Leo sehr ernst.

"Ich persönlich ziehe das voll durch und bleibe alleine zu Hause, ohne jemanden zu treffen." Er kenne aber auch viele Gleichaltrige, die das Ganze lockerer angingen. "Einige in meinem Freundeskreis sagen, es reicht ihnen jetzt. Sie treffen sich auch wieder in größeren Gruppen."

Man merkt dem Gießener an, dass er dieses Verhalten falsch findet. Er nimmt das Virus ernst. So ernst, dass er an seiner Ostschule sogar die Zwischenprüfung hat sausen lassen. "Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Sicherheitsvorkehrungen eingehalten werden. Außerdem beunruhigt mich, dass es in der Schule keine Mundschutzpflicht gibt."

Vielleicht ist für Leo die derzeitige Situation auch so hart, weil er gerade erst begonnen hat, die Vorzüge der Jugend auszukosten. "Letztes Jahr habe ich zum Beispiel Konzerte und Festivals für mich entdeckt. Das ist voll mein Ding." Diesen Sommer sollte es weitergehen. Doch daraus wird nun nichts. Leo macht das sehr zu schaffen. "Ich finde das alles sehr traurig. Das 16. Lebensjahr sollte doch etwas ganz Besonderes sein."

Was er am meisten vermisst, das betont Leo immer wieder, sind aber nicht Konzerte, Sport oder Festivals. "Das Schlimmste ist, dass ich meine Freunde nicht mehr sehen kann."

Der Grund ist einfach: Christopher McCandless, der Aussteiger, dem durch den Film "Into the Wild" ein Denkmal gesetzt wurde, brachte ihn mal auf den Punkt. Nach wochenlanger Isolation in Alaska wurde er tot aufgefunden. In seinem Notizbuch hatte er einen Satz geschrieben und unterstrichen: "Happiness only real when shared."

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