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Schnell noch die Flügel richten: Mädchen aus der Stephanusgemeinde proben mit Kornelia Marschner ihren Auftritt. FOTO: SCHEPP

Weihnachten feiern

Ein Fest mit der "Wahl-Familie"

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Eine bunte Truppe um Kornelia Marschner organisiert ein Weihnachtsfest für behinderte Senioren. Viele von ihnen wären sonst alleine zu Hause.

Weber, Zöllner und Fischer stehen in Reih und Glied auf der Bühne, die Engel in ihren goldenen Kleidern richten ein letztes Mal die Flügel. Gleich geht es los. "Glocken klingen, Kinder singen, rufen Dich und mich!" Maria und Josef ziehen von Haus zu Haus, nirgends ein Platz in der Herberge. Oh nein, oh nein, das kann doch nicht sein, wir müssen in irgend ein Haus hinein! - Die Weihnachtsgeschichte. Heute wird sie wieder tausendfach erzählt und gespielt.

Besonders aufmerksame und gespannte Zuschauer werden die Kinder der Stephanusgemeinde haben. Wie in den Jahren zuvor kommen zu dem Familiengottesdienst in der Weststadt nicht nur die Bewohner des Viertels, sondern auch behinderte Menschen, die meisten von ihnen Senioren. Während der Woche besuchen sie die Tagesstätte der evangelischen Behindertenseelsorge, doch jetzt an Weihnachten sind viele von ihnen alleine. Die Eltern leben schon lange nicht mehr, und nicht alle haben Verwandte, mit denen sie feiern können. Kornelia Marschner weiß das nur zu gut, denn die Gemeindepädagogin arbeitet seit 20 Jahren in der Tagesstätte in der Südanlage. Weil sie es nicht ertragen könnte, dass Rudi, Gertrud und all die anderen gerade heute einsam sind, hat sie vor einigen Jahren damit begonnen, für die ihr liebgewordenen Menschen einen familiären Heiligabend zu organisieren. Für rund 30 behinderte Menschen ist es ein Fest in einer Art "Wahl-Familie".

Unterstützt wird sie dabei nicht nur von ihrem Ehemann Frank, sondern von einer ganzen Reihe ehrenamtlicher Helfer. Manche stammen aus der Kirchengemeinde, andere aus der Behindertenseelsorge. Nach dem Gottesdienst, bei dem der Kinderchor (Leitung: Olga Kallasch) und die Mädchenschar die Weihnachtsgeschichte präsentieren, wird im Jugendhaus im Gleiberger Weg gefeiert. Gemeinsam sorgen dort die Helfer dafür, dass es ein festlicher Abend wird. Die Seniorengruppe der Stephanusgemeinde schmückt liebevoll den Baum, ein Büfett hält lauter selbst zubereitete Köstlichkeiten bereit - natürlich dürfen auch Würstchen und Kartoffelsalat nicht fehlen - es gibt Geschenke, Gespräche, Gedichte, Kerzen und Musik. Da einige der Ehrenamtlichen mit ihren Kindern kommen, sitzen mehrere Generationen gemeinsam am Tisch. "So muss Weihnachten sein", finden die Behinderten. Für sie sind das sehr emotionale Momente. Oft sind sie bitter und süß zugleich. "Es ist so wie früher", sagen sie am Ende meist zufrieden, und dann weiß Kornelia Marschner, dass sie und ihre Mitstreiter alles richtig gemacht haben. Hat sie einen ganz privaten Heiligabend nie vermisst? "Nein". Die 62-Jährige muss nicht lange überlegen. Da sie keine eigenen Kinder habe, verbringe sie dieses Familienfest sehr gerne mit ihren Schäfchen. "Diese Aufgabe hat der liebe Gott mir vor die Füße gelegt", sagt sie. Früher habe sie gemeinsam mit ihrem Mann geholfen, den Heiligabend beim CVJM mitzugestalten heute tue sie das für die behinderten Menschen. Im Christentum gehe es doch genau darum: Um Nächstenliebe.

Info: Tagesstätte für Senioren

Die Tagesstätte für behinderte Senioren in der Südanlage 13 gibt es seit 2003. Sie bietet den älteren Menschen, die alleine oder in Wohngruppen in der Stadt und im Landkreis leben, eine Tagesstruktur und Geselligkeit. Sie ist ein Modellprojekt und einzigartig in Hessen.

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