"Feldbefreier" müssen sich vor Gericht verantworten

Gießen (ti). Vier Gentechnikgegner zerstörten im Juni 2006 ein Versuchsfeld für genveränderte Gerste der Justus-Liebig-Universität im Alten Steinbacher Weg und richteten damit einen Schaden von rund 55 000 Euro an. Zwei der "Feldbefreier" müssen sich dafür seit gestern vor dem Gießener Amtsgericht verantworten.

Gießen (ti). Vier Gentechnikgegner zerstörten im Juni 2006 ein Versuchsfeld für genveränderte Gerste der Justus-Liebig-Universität im Alten Steinbacher Weg und richteten damit einen Schaden von rund 55 000 Euro an. Zwei der "Feldbefreier" müssen sich dafür seit gestern vor dem Gießener Amtsgericht verantworten.

Staatsanwältin Ute Sehlbach-Schellenberg warf dem 44-jährigen Jörg B. und seinem 27-jährigen Kumpan Patrick N. Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung vor. Außerdem klagte sie Jörg B. der Beleidigung an, weil er im November 2006 auf den Bürgersteig vor der Rechtsanwaltskanzlei des hessischen Innenministers Volker Bouffier (CDU) an der Nordanlage mit Kreide "Rechtsbrecher und Innenminister" sowie "Kanzlei von Innenminister deckt Mörder" geschrieben haben soll. Dieses Verfahren wurde nach Paragraf 154 der Strafprozessordnung vorläufig eingestellt.

Der erste Verhandlungstag gestern lief schleppend an. Zunächst bestand B. darauf, als letzter der Personenschlange, die sich vor dem Gerichtsgebäude gebildet hatte, die Sicherheitskontrolle im Eingangsbereich zu passieren. Dann wurde die Sitzung, kaum dass sie begonnen hatte, unterbrochen, damit der Beschuldigte seine Unterlagen holen lassen konnte. Er und eine 26-Jährige Französin aus Lüneburg hatten nämlich die Nacht im Polizeigewahrsam in der Ferniestraße verbracht, nachdem sie gemeinsam mit vier weiteren Personen einigen Beamten am Montagabend gegen 21.50 Uhr in der Gutfleischstraße aufgefallen und entsprechenden Platzverweisen nicht nachgekommen waren. Eine 21-Jährige aus Bad Oldesloe war auf einen Baum, die Französin auf einen drei Meter hohen Fenstersims neben dem Gebäudeeingang geklettert.

Als es um kurz nach zehn, Verhandlungsbeginn war um 8.30 Uhr, endlich losging, sagten die beiden Angeklagten nicht aus. Da der Vorsitzende Richter Dr.

Frank Oehm damit nicht gerechnet hatte, galt es, die Zeit bis 11 Uhr zu überbrücken: Ein Überwachungsvideo des Institutes für Phytopathologie (Pflanzenkrankheiten) und angewandte Zoologie sowie Aufnahmen des hessischen Rundfunks wurden in Augenschein genommen. Die Aussagen der drei Polizeibeamten, die am Tattag im Einsatz waren, beschrieben anschließend detailliert, was die Bänder angedeutet hatten. Gegen 15 Uhr hätten sich die Einsatzkräfte dem Versuchsfeld vom Wirtschaftsgebäude her genähert, ein Polizist sei vorausgelaufen, die beiden anderen mit Abstand gefolgt. Vom Alten Steinbacher Weg her habe sich Jörg B. dem Versuchsfeld genähert, von der anderen Seite drei weitere Personen, darunter Patrick N. Die vier Gentechnikgegner hätten dann begonnen, büschelweise Pflanzen auszureißen und nach mehreren Unterlassungsaufforderungen ihre Aktivitäten sogar noch forciert. Daraufhin hätten die Beamten sie mit Ziehen, Zerren und Schubsen vom Gelände entfernt.

Die Leiterin des Rechtsdezernates der Justus-Liebig-Universität sagte aus, dass sich das Institut zur Tatzeit in erhöhter Alarmbereitschaft befunden habe, da die "Feldbefreiung" im Internet angekündigt gewesen sei. Man habe daher versucht eine Rund-um-die-Uhr-Überwachung zu gewährleisten. Dennoch hätten die Gengegner eine Lücke gefunden. Mit dieser Aktion seien etwa 20 Prozent der Pflanzen zerstört worden, ein Schaden von rund 20 000 Euro, dessen Höhe auf dem aufwendigen Herstellungsverfahren der Gengerste beruht. Die restlichen 35 000 Euro beziehen sich auf den zerstörten Versuch. Dieser sei auf vier Jahre angelegt gewesen und von der Bundesanstalt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit im Rahmen der Biosicherheitsforschung mit 352 000 Euro gefördert worden. Zwei wissenschaftliche Fragestellungen, denen im Rahmen dieses Versuches nachgegangen werden sollte, seien nun nicht mehr nachvollziehbar.

Mehrere Personen, die das Verfahren zu stören versuchten, wurden von Justizwachtmeistern aus dem Saal getragen. Die Verhandlung wird am Freitag fortgesetzt. Beginn ist um 8.30 Uhr.

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