Feines Sinfoniekonzert: Ins Sphärische entrückt

  • Manfred Merz
    vonManfred Merz
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Alle Jahre wieder zieht Jan Hoffmann in der Weihnachtszeit ein Oratorienspektakel aus dem Hut. Diesmal greift der stellvertretende Generalmusikdirektor des Stadttheaters und derzeitige Chordirektor der Semperoper Dresden beim Sinfoniekonzert nicht auf ein Barockwerk zurück, sondern auf das abendfüllende romantische "L’enfance du Christ" (Die Kindheit Christi) von Hector Berlioz, das Hoffmann bereits 2012 an gleicher Stelle zum Besten gab.

Mit von der Partie sind im Großen Haus wie gewohnt der Chor und Extrachor, der Gießener Konzertverein und die Wetzlarer Singakademie. Das Philharmonische Orchester Gießen sorgt für einen sauberen Instrumentalklang. Sechs Solisten runden den Abend ab.

"Die Kindheit Christi" erzählt von der Rettung vor dem Kindermord und der gemeinsamen Flucht der Familie nach Ägypten. Dort werden die heilige Maria, Josef und der kleine Jesus von einem ismaelitischen Vater freundlich aufgenommen.

Berlioz, der das schlichte Libretto selbst verfasste, gliedert das zuvor in Einzelteilen entstandene Stück in drei Episoden: "Le songe d’Hérode" (Der Traum des Herodes), "La fuite en Égypte" (Die Flucht nach Ägypten) und "L’arrivée à Sais" (Die Ankunft in Sais). Ergebnis ist eine beinahe intime geistliche Trilogie, die auf die Berlioz’sche Ruppigkeit im Klangbild verzichtet.

Einfühlsame Ouvertüre

Das brachte dem Künstler bei der Uraufführung 1854 in Paris, bei der er selbst am Pult stand, Lob ein. Die Kritik mutmaßte, Berlioz habe Fortschritte gemacht und zu einem harmonischen Stil gefunden. Doch der Tondichter schimpfte die Urteilenden "Hohlköpfe".

Das Oratorium des vor 150 Jahren verstorbenen Komponisten ist gleichwohl ein zeitloser Wurf. Die Flucht vieler Menschen vor Folter und Tod sowie die Suche nach einer neuen Heimat in der Fremde sind aktueller denn je.

Dirigent Hoffmann bewahrt am Dienstag Ruhe. Die Einleitung ohne Vorspiel sitzt, Herodes klagt emphatisch, im Siebenvierteltakt wird der Kindermord deklamiert. Der kurze zweite Teil ohne Hörner und Fagotte steht im Zeichen von Kirchentonarten und einer einfühlsamen Ouvertüre. Mitten im dritten Durchgang zieht ein Trio für Flöten (Carol Brown, Kirsten Mehring) und Harfe (Hye-Jin Kang) in Bann, bevor das "Amen" ertönt.

Hoffmann und seinem Orchester gelingen die feinen Pastoralklänge ebenso wie das romantische Gefüge. Der mehr als hundertköpfige Chor leidet ein wenig unter seiner geringen Männerzahl, wirkt aber im Sphärischen traumwandlerisch schön. Tenor Clemens Kerschbaumer tremoliert als Erzähler. Grga Peroš steigert sich als Josef im Forte. Naroa Intxausti gibt die Maria eindringlich und mit klaren Höhen. Der Bass von Daniele Macciantelli (Herodes und Familienvater) verfügt über Kraft. Tenor Shawn Mlynek ist ein solider Zenturio. Chul-Ho Jang macht wie schon 2012 als Polydorus mit seinem Bass Druck. Langer ausgiebiger Applaus vom Publikum. Manfred Merz

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