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Fataler »Rücksturz ins Nest«

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Von: Christine Steines

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Nur noch in der virtuellen Welt unterwegs: Die Pandemie beeinträchtigt die Entwicklung vieler Jugendlicher. © DPA Deutsche Presseagentur

Die Pandemie hat Kindern und Jugendlichen ein wichtiges Jahr ihrer Entwicklung geraubt. In den Praxen der Haus- und Kinderärzte mehren sich die Zeichen, dass viele diese Zeit nicht unbeschadet überstehen. Prof. Burkhard Brosig (Kinder- und Familienpsychosomatik des UKGM) befürchtet, dass die Traumatisierungen dauerhafte Instabilität zur Folge haben könnten.

Die Rollos bleiben unten, die Tür ist zu, der Computer an. Der Junge verweigert die Schule, er hat keine Lust darauf, Freunde zu treffen oder überhaupt hinaus zu gehen. Prof. Burkhard Brosig, Leiter der Kinder- und Familiensomatik des UKGM, bekommt derzeit häufig E-Mails, in denen verzweifelte Eltern schildern, dass sie nicht mehr herankommen an ihre Kinder. Oftmals sind es Jungen und Mädchen, die schon vor der Pandemie unter Angst- und Zwangsstörungen, depressiven Stimmungen oder Autoim-munerkrankungen gelitten haben. Bei ihnen hat die in der Pandemie notwendig gewordene soziale Distanz als Katalysator gewirkt. Aber es gibt auch viele Familien, in denen erst jetzt deutlich wird, dass Kinder Schaden genommen haben. »Ich fürchte, dass innere Traumatisierungen entstanden sind, die nicht mit Hausmitteln behoben werden können«, sagt Brosig. Mit Hausmitteln meint er das schrittweise Hinauswagen in den Alltag: Sport, Hobby, Treffen mit Freunden - bei gleichzeitiger Struktur des Familienalltags. Er hat die Sorge, dass eine Generation heranwächst, die den erlittenen Verlust nur schwer kompensieren kann.

Um zu verstehen, warum die Begleiterscheinungen von Corona für Kinder in der Pubertät so verheerend sind, müsse man sich vergegenwärtigen, was in dieser Zeit normalerweise geschieht, erläutert der Facharzt. Die enge Bindung an die Eltern, die Abhängigkeit von Mutter und Vater beginne sich allmählich zu lockern, die Kinder erweiterten ihren Radius und richteten ihren Fokus auf die Außenwelt. Busfahrten zur Schule, Pausengespräche, Vereinssport, Konfirmationsfreizeit, all das seien Schritte zur Abnabelung. Die Kinder entdeckten die Peergroup, die soziale Gruppe der Gleichaltrigen, der sich ein Individuum zugehörig fühlen wolle. Auch enge Freundschaften und erste Verliebtheiten entwickelten sich.

»Wir wissen alle, welche Dramen sich zwischen Streit und Versöhnung, Nähe und Distanz abspielen«, erinnert Brosig. »Die emotionale Wucht ist enorm.« Dieser wichtige und notwendige Prozess der Identitätsfindung sei durch die Notwendigkeit der sozialen Distanzierung gestört worden. »Das war ein fataler Rücksturz ins elterliche Nest.«

Und zudem ein tiefer Sturz ins Netz: Das Internet habe erheblich an Bedeutung gewonnen. In der Pandemie sei das stundenlange Surfen im Netz und der Aufenthalt auf Social-Media-Kanälen nicht nur gesellschaftsfähig, sondern gefordert worden. »Wir alle sind in der digitalen Welt nun geschickter unterwegs, aber das bleibt nicht ohne Folgen«, sagt Brosig. Kinder und Jugendliche hätten die Balance zwischen der realen und der virtuellen Welt verloren.

Insbesondere bei Jungen entwickele sich pathologisches Nutzungsverhalten. Während eines stationären Aufenthaltes in der Klinik werde die Nutzung von Smartphone oder Tablet auf zwei Stunden begrenzt. »Da bricht am Anfang eine Welt zusammen«, schildert der Psychosomatiker. Doch nach zwei Tagen erkennen die Jugendlichen, dass die reale Kommunikation mit der virtuellen durchaus konkurrieren könne. Brosig und seine Kollegen empfehlen eine solche Regelung auch für zu Hause: »Zwei Stunden sind okay, damit kann man gut leben.«

Während Jungen digitale Suchtstrukturen zeigten, häuften sich bei den Mädchen Essstörungen - wobei es beide Störungen auch beim jeweils anderen Geschlecht gebe.

Die Esskultur habe sich schon vor Längerem verändert, gemeinsame Mahlzeiten, die der entspannten Nahrungsaufnahme und dem Austausch dienten, fänden seltener statt. Dabei spiele der Zeitgeist mit seinen sich wandelnden Trends eine Rolle, aber auch die individuellen Pläne: Mädchen fürchteten sich vor zu viel Kalorien, Jungen bastelten mit Sport und eigenen Ernährungsprogrammen an einer Optimierung ihres Körpers. In jedem Fall seien Jugendliche heute einer globalen Konkurrenz ausgesetzt, während die Generationen zuvor sich nur mit den mittel- und oberhessischen Mitbewerbern vergleichen mussten.

Die Hälfte aller Mädchen beschäftigt sich in der Pubertät mit dem Körpergewicht, ein extrem schlanker, makelloser Körper ist das angestrebte Schönheitsideal. Wenn es gut läuft, verliert dieses Ziel nach einiger Zeit an Bedeutung, die Mädchen entwickeln ein stabiles Selbstbewusstsein. Wenn es schlecht läuft, kommt es zu Essstörungen, die in einer lebensgefährlichen Magersucht enden können. Die Ursachen und Verläufe seien unterschiedlich, schildert Brosig. Häufig setzten die Mädchen mit ihrer Nahrungsverweigerung ein Ausrufezeichen. Sie wollten ihre Unabhängigkeit und Autonomie unter Beweis stellen. Niemand, auch die zuvor ihr Leben bestimmende Mutter, könne ihr etwas vorschreiben.

Die Pandemie hat gerade benachteiligten Familien zugesetzt, aber auch in klassischen Mittelschichtsfamilien hat es Veränderungen gegeben. Je widerstandsfähiger die Familie und deren Mitglieder sind, desto größer die Chance, dass sie die Zeit unbeschadet überstehen. Brosig rät dazu, Strukturen und Regeln im Alltag zu etablieren, auch wenn dafür Kämpfe ausgetragen werden müssten. Wenn aber die Rollos - im direkten und übertragenen Sinne - dauerhaft unten bleiben, sollten Eltern sich unbedingt um Unterstützung bemühen.

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