Fast hört man Pfaue schreien

  • Karola Schepp
    vonKarola Schepp
    schließen

Einen so frisch gekürten Literaturpreisträger hat das Literarische Zentrum noch nie präsentieren können: Erst am Dienstag war bekannt geworden, dass Thomas Hettche den renommierten Hermann-Hesse-Preis erhält, am Mittwochabend las er aus seinem Roman "Die Pfaueninsel" zum Auftakt des LZG-Sommerfestes. Und wo liest man am besten aus einem Roman, der den Mikrokosmos einer Insel im 19. Jahrhundert beschreibt? Natürlich auf der Klinkel’schen Insel.

Einen so frisch gekürten Literaturpreisträger hat das Literarische Zentrum noch nie präsentieren können: Erst am Dienstag war bekannt geworden, dass Thomas Hettche den renommierten Hermann-Hesse-Preis erhält, am Mittwochabend las er aus seinem Roman "Die Pfaueninsel" zum Auftakt des LZG-Sommerfestes. Und wo liest man am besten aus einem Roman, der den Mikrokosmos einer Insel im 19. Jahrhundert beschreibt? Natürlich auf der Klinkel’schen Insel.

"Hettche verstehe es meisterlich, gute Geschichten zu erzählen und mit klugen Gedanken zu verbinden", lobte Moderatorin Marina Gust den in Staufenberg aufgewachsenen Autor. Ein Kompliment, das die rund 170 Gäste der ausverkauften Lesung nur unterstreichen können. Hettche schildert in seinem 2014 erschienenen Roman, basierend auf seiner Recherche zur Havelinsel und seiner tatsächlichen Bewohner im 19. Jahrhundert, das Leben der kleinwüchsigen Marie. Als Schlossfräulein ist sie Teil einer bizarren Menagerie, die sich der König auf der als Ideallandschaft gedachten Pfaueninsel zusammengestellt hat. Inmitten dieser Spielzeugwelt mit exotischen Tieren, Zwergen und Riesen verbringen Marie und ihr ebenfalls kleinwüchsiger Bruder ihr Leben. "Die ganze Welt taucht en miniature auf", beschreibt Hettche seinen Roman, aus dem er das Anfangs- und das vorletzte Kapitel las. Vom Rauschen des Lahnwehrs begleitet, glaubte man da fast schon die Pfaue schreien zu hören. "Romanschreiben ist für mich die Expedition ins Unbekannte", betonte Hettche. Er berichtete den Zuhörern, wie er 1989 in Berlin auf die echte Pfaueninsel aufmerksam geworden war, wie er die Biografien ihrer einstigen Bewohner recherchiert hatte und warum es ihn interessiert, in seinen Büchern frühere Zeiten lebendig nachspürbar zu machen.

Wer sich beim Lesen gefragt hatte, warum ausgerechnet ein Mietkoch beim Ausflug Maries in die Großstadt Berlin eine Rolle spielt, bekam eine überraschende Lösung serviert: Ein befreundeter Koch habe ihm ein Bild versprochen, wenn er ihn in einen seiner Romane hineinschreibe. Hettche hat es getan und verbindet mit seiner Beschreibung, wie der verliebte Koch Froelich mit seiner Kochkunst das Herz Maries erobern will, Erotik und Ochsenschwanzsuppe zum vollendeten literarischen Küchenporno.

Und dann kam am Ende der Lesung noch zur Sprache, wie eng Hettches Erfolg mit seiner oberhessischen Heimat verbunden ist und vor allem, wer ihm den Weg zur Literatur gewiesen hat: Seine Lehrerin Ursula Koch an der Liebigschule, Tochter des Grünberger Ethnologen Theo Koch, und Lehrer Dieter Wagner hätten ihn als lesebesessenen Jungen aus einem Haushalt, in dem nicht viele Bücher im Regal standen, unterstützt. "Hätte es sie nicht gegeben, hätte mein Leben sicher eine andere Wendung genommen", erzählte der Autor und bedauerte, dass Koch sein Buch "Pfaueninsel" leider nicht mehr hätte lesen können. "Es hätte ihr sicher gefallen."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare